Gino Bartali : Retter auf dem Rennrad

Gino Bartali wird in seiner Heimat Italien verehrt, keinen Sportler empfang der Papst häufiger. Im Zweiten Weltkrieg bewahrte "der radelnde Mönch" 800 Juden vor der Deportation – nun wird er dafür geehrt.

Stefan Osterhaus
Der radelnde Mönch. Gino Bartali bei seinem ersten Tour-de-France-Sieg 1938, dem er später noch einen weiteren folgen ließ. Über seine Rolle im antifaschistischen Widerstand war bisher wenig bekannt. Nun wurde er als „Gerechter unter den Völkern“ ausgezeichnet. Foto: afp
Der radelnde Mönch. Gino Bartali bei seinem ersten Tour-de-France-Sieg 1938, dem er später noch einen weiteren folgen ließ. Über...Foto: afp

Den Mann, von dem Giulia Donati sagt, sie verdanke ihm ihr Leben, den hat sie niemals von vorn gesehen. Sie sah seinen Rücken und seine Beine. Kräftige Waden, ein Sportler. Durch den Türrahmen konnte sie die Felgen seines Rennrades erkennen, schlanke Pneus. Sie sah ihn nur ein einziges Mal. Er brachte gefälschte Dokumente, dank derer die junge Frau untertauchen konnte. Giulia Donati ist mittlerweile 91 Jahre alt, sie lebt in Karkur, eine Stunde nördlich von Tel Aviv. Doch den Anblick des Radfahrers hat sie nie vergessen, wie ihr die ganze Zeit des Versteckens noch immer erinnerlich ist. Als Jüdin musste sie während der deutschen Besatzung Italiens untertauchen, bei zwei Schwestern fand sie Unterschlupf. Erst viel später erfuhr sie, wer die Dokumente brachte. Es war Gino Bartali, Italiens Jahrhundert-Radler.

Zweimal gewann er Bartali die Tour de France, 1938 und 1948. Die Jahre dazwischen stahl ihm der Krieg, doch an seiner Popularität änderte dies nichts. Geradezu kultisch verehrte das Volk den Rennfahrer mit der Aura des Unergründlichen. „Bartali ist ein Mann der Tradition. Er ist ein metaphysischer, von den Heiligen geschützter Mensch“, schrieb der Schriftsteller Curzio Malaparte. Jacques Goddet, Direktor der Tour de France, war nicht minder fasziniert, als er 1948 das unglaubliche Comeback Bartalis nach einem Jahrzehnt der Absenz erlebte: „Aus dem Schneesturm, aus Wasser und Eis stieg Bartali majestätisch wie ein mit Schlamm übersäter Engel, der unter seiner durchnässten Tunika die kostbare Seele eines außergewöhnlichen Champions trug.“ Der radelnde Mönch, so nannte man ihn, den Laienbruder aus dem Karmeliter-Orden. Keinen Sportler empfing der Papst häufiger.

Es war wohl nicht zuletzt der Glaube, der Bartali dazu trieb, sich einem antifaschistischen Netzwerk anzuschließen. Elia Dalla Costa, der Erzbischof von Florenz, hatte es initiiert, gemeinsam mit dem Rabbiner Nathan Cassuto. Bartali war Dalla Costa gut bekannt. Der Erzbischof hatte das Ehepaar Bartali getraut. Als Dalla Costa Bartali um seine Teilnahme bat, sagte der ohne zu zögern zu – und tat das, was er am besten konnte: Er stieg aufs Rad – und verstaute im Rahmen des Velos die Dokumente. 800 Juden sollen durch seine Fahrten der Deportation entgangen sein.

In Assisi wurden die Dokumente in einem Kloster gedruckt. Die Presse steht dort noch heute. Manchmal fuhr Bartali 350 Kilometer an einem Tag. Streckenposten der Wehrmacht traf er jedes Mal. Zu seinen Taten hat Bartali zeit seines Lebens geschwiegen, auch die Familie sollte nicht öffentlich darüber reden. Doch nun, 13 Jahre nach seinem Tod, wurde Gino Bartali geehrt – in Yad Vashem, der Gedenkstätte der Shoah. Er erhält den Ehrentitel eines „Gerechten unter den Völkern“, eine Auszeichnung, die an Menschen vergeben wird, die Juden unter Einsatz des eigenen Lebens retteten, Menschen wie Oskar Schindler oder Miep Gies, die Anne Frank versteckt hielt, oder Berthold Beitz, der Krupp-Manager.

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