Sport : Gipfelstürmer, abgestürzt

Der Hamburger SV wollte die Bayern fordern – und scheiterte an Hannover

Karsten Doneck

Hamburg. Gewissenhaft hatten sie ihren Terminkalender abgearbeitet. Punkt für Punkt. Dienstags Hertha BSC geschlagen, am Donnerstag Bayern München ausgeschaltet, am darauf folgenden Montag dann Borussia Dortmund überrannt. In zwölf Tagen wanderte der Hamburger SV über die höchsten Gipfel der Liga – und stürzte danach böse ab. 0:3 zum Bundesligaauftakt gegen Hannover 96, noch dazu vor eigenem Publikum: Beim HSV wandelte sich nur fünf Tage nach dem Gewinn des Ligapokals die Euphorie schon wieder in Ernüchterung.

„Bayern München ist der Meisterschaftsfavorit. Aber so stark wie die anderen sind wir auch“, hatte HSV-Torjäger Bernardo Romeo nach dem 4:2-Endspielsieg im Ligapokal am vorigen Montag gegen Dortmund getönt. Solche Aussage offenbart ein hohes Maß an Selbstüberschätzung. „Vielleicht war der HSV ja etwas überheblich durch den Ligapokal“, vermutete Gerd Tremmel, der Torwart von Hannover 96, nicht ganz zu Unrecht.

Der Ligapokal sei „eine richtungsweisende Generalprobe für eine ganze Saison“, hat Michael Preetz, bis letzte Saison Stürmer bei Hertha BSC, im Programmheft zum diesjährigen Wettbewerb geschrieben. Nur: Wer die mit Bergkristallen aus Brasilien verzierte Trophäe gewinnt, für den geht es in der Bundesliga zumeist erst einmal nur in eine Richtung: abwärts. Michael Preetz müsste das eigentlich wissen. 2001 und 2002 gewann er mit Hertha den Ligapokal. Nach dem letzten Sieg stellte sich Alex Alves, der exzentrische brasilianische Stürmer, hin und behauptete: „Wir können Meister werden.“ Die Realität holte Hertha schnell ein. Sowohl 2001 als auch 2002 gelang der Mannschaft in den ersten fünf Punktspielen nur jeweils ein Sieg, im vorigen Jahr schied sie zu allem Überfluss auch noch beim damaligen Regionalliga-Letzten Holstein Kiel in der ersten Runde des DFB-Pokals aus.

Dem HSV droht ähnliches Ungemach. Das anstehende Programm ist hart. Auf die Pleite gegen Hannover folgen Auswärtsspiele in Bochum und Wolfsburg, dann kommt Bayern München nach Hamburg, anschließend geht es nach Leverkusen. Und dazwischen steht noch das keineswegs leichte DFB-Pokalspiel bei Dynamo Dresden auf dem Plan. Der HSV könnte da bis Mitte September in sechs Wochen das verspielen, was er sich in zwölf Tagen im Ligapokal aufgebaut hat. Dass der Ligapokal sportlich Schaden anrichten könne, glaubt indes Dietmar Beiersdorfer nicht. „Wir müssen doch sowieso ein Spiel nach dem anderen spielen“, sagt der HSV-Sportchef und übt nach dem Bundesliga-Fehlstart demonstrativ Gelassenheit: „Das war doch jetzt erst ein Spiel von 34.“

Der HSV ist unter dem am 4. Oktober 2001 eingestellten Trainer Kurt Jara bisher in allen Testspielen über 90 Minuten ungeschlagen geblieben. Der Meister der Vorbereitung, spotteten Hamburgs Boulevardzeitungen schon mal. Zum wahren Meisterschaftsanwärter taugt diese Mannschaft längst noch nicht. Diese Einsicht hat auch mancher Spieler. Zum Beispiel Martin Pieckenhagen. Der Torwart sagt: „Zwischen Anspruch und Wirklichkeit gibt es bei uns noch eine riesige Lücke.“ Aber auch er macht es sich etwas zu einfach, wenn er sagt: „Wäre bei unseren vielen Chancen zu Beginn der zweiten Halbzeit ein Ball reingegangen, hätten wir das Spiel noch gedreht.“ Auf fehlendem Glück basierte die 0:3-Pleite sicher am wenigsten.

Übrigens: Der Ligapokal muss nicht zwangsläufig einen Fehlstart in der Bundesliga nach sich ziehen. Bayern München holte sich die Trophäe ununterbrochen von 1997 bis 2000. Dreimal wurden die Bayern danach Deutscher Meister. Aber das sind eben die Bayern …

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