Sport : Gipfeltreffen der Zocker

Die Golfwelt fiebert dem Ryder-Cup-Start entgegen.

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Wann schlägt er zu? Martin Kaymer ist wohl erst mal nur Ersatz. Foto: AFP
Wann schlägt er zu? Martin Kaymer ist wohl erst mal nur Ersatz. Foto: AFPFoto: AFP

Berlin - Die Herren haben gezockt, 18 Löcher lang: Luke Donald und Lee Westwood gegen Ian Poulter und Justin Rose. Die Partie fand am Dienstag auf dem Kurs Nummer drei des Medinah Country Clubs westlich von Chicago statt, und wie der Weltranglistenvierte Lee Westwood im Anschluss mit einem breiten Grinsen verkündete, musste Poulter nach dem Trainingsmatch am Geldautomaten einen ordentlichen Betrag abheben, um seine Spielschulden zu begleichen. Wenn es ums Matchplay, das Spiel Mann gegen Mann geht, wächst Westwood über sich hinaus. Zocken ist sein Ding. Und weil Ryder-Cup-Matches nichts anderes sind als Zocken auf Spitzenniveau, fühlt sich einer wie Lee Westwood bei diesem traditionellen Vergleichskampf zwischen den USA und Europa sehr wohl.

Natürlich hat vor dem Beginn des Ryder-Cups in der Nacht von Freitag auf Samstag keiner der 24 Spieler das Wort „Zocken“ in den Mund genommen. Vielmehr ist es seit Jahren Sitte, dass sich die Teams zu Beginn der Woche stilvoll gekleidet zu diversen Gala-Dinners treffen, wo man die Gegner mit Freundlichkeiten überhäuft. Erst im Anschluss werden beim Mannschaftstreffen in den Teamräumen mit klaren Worten Siegstrategien besprochen. Jim Furyk ließ verlauten, dass sich jeder Einzelne der Amerikaner am Sonntag im Einzel besonders gerne den Weltranglistenersten Rory McIlroy vorknöpfen wolle. Und die Europäer haben sich ein paar emotionale Videos angesehen, auf denen ihr Sieg von 2010 noch einmal abgespult wurde.

Leicht, das wissen die Männer um Europas Kapitän José Maria Olazabal, wird die Titelverteidigung in diesem Jahr nicht werden. Das US-Team ist so gut wie lange nicht mehr. Die zwei Majorsieger Webb Simpson und Keegan Bradley zählen ebenso zum Team wie der neue FedExCup-Champion Brandt Snedeker. Dazu kommen der Weltranglistenzweite Tiger Woods oder die alten Ryder- Cup-Haudegen Steve Stricker und Phil Mickelson. „Es sind zwei großartige Teams – ich glaube, jeder Spieler zählt zu den Top 35 der Welt“, sagte der Brite Justin Rose.

Je ausgeglichener, desto besser. Die Faszination des Ryder-Cups basiert auf engen Matches, auf unerwarteten Spielwendungen, am Boden zerstörten Verlierern und Siegern, die kurz vor dem Adrenalin-Schock stehen. 28 Punkte werden von Freitagmorgen bis Sonntagabend bei acht Klassischen Vierern (in einer Paarung spielt jeder Profi seinen Ball), acht Vierball-Bestball-Partien (ein Paar spielt abwechselnd mit dem gleichen Ball) und zwölf Einzeln vergeben. Europa behält die Ryder-Cup-Trophäe, sobald man 14 Punkte erzielt hat. Die Amerikaner benötigen mindestens 14,5 Punkte, um den Pokal wieder in die USA zu holen.

Das dreitägige Golf-Spektakel hat Sucht-Charakter. Nicht nur für die Zuschauer, die dieses Golf-Turnier jedem anderen weltweit vorziehen, sondern auch für die Spieler. „Für mich ist der Ryder-Cup so wie die letzten neun Löcher bei einem Majorturnier, bei dem man um den Sieg mitspielt“, sagt Davis Love III, Kapitän der Amerikaner. „Der Unterschied ist nur, dass der Ryder-Cup schon Freitagmorgen beginnt und bis Sonntagabend kein Ende nimmt.“

Selbst ein sonst eher ruhiger Mensch wie Martin Kaymer kann sich der elektrisierenden Stimmung nicht entziehen. Allerdings gilt der Deutsche anders als Westwood, McIlroy, Donald, Poulter oder Sergio Garcia keineswegs als Schwergewicht im Team. Die Hierarchien in Europas Mannschaft sind zu Beginn des Ryder-Cups geklärt. Kaymer ist aufgrund seiner mäßigen Ergebnisse in diesem Jahr zumindest am Freitag ein Kandidat für die Ersatzbank. Petra Himmel

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