Giro d'Italia : Alexander Winokurow: König mit Kruste

Giro der Leiden: Mit einer dicken Schlammkruste bedeckt kämpften sich versprengte Gruppen hinauf ins toskanische Montalcino. Alexander Winokurow erobert die Führung in einem Rennen, in dem die Fahrer zu Versuchskaninchen werden.

Tom Mustroph

Der Giro d’Italia ist ein Menschenlabor. Nicht Radsportler, sondern Golems erreichten am Sonnabend den Zielort der siebten Etappe. Mit einer dicken Schlammkruste bedeckt kämpften sich versprengte Gruppen hinauf ins toskanische Montalcino, andauernde Regenfälle weichten die Lehmstraßen auf, die schmalen Rennreifen quälten sich durch den Matsch. Der Regenbogenring des Weltmeistertrikots von Cadel Evans verschwand genauso unter dem Lehm-Wasser-Gemisch wie das Rosa des Führungstrikots von Vincenzo Nibali.

„Das war noch härter als Paris – Roubaix“, sagte Alexander Winokurow nach der Zielankunft; gesäubert und mit neuer Kleidung versehen, aber immer noch sichtlich erschöpft kam er zur Pressekonferenz. Paris – Roubaix wird die „Hölle des Nordens“ genannt. Für die Hölle beim Giro gibt es noch keine Bezeichnung. Bei der Mehrheit der Rennfahrern überwogen die Zweifel an der durchlittenen Übung – Nibali kritisierte scharf die Risiken, Bergkönig Matthew Lloyd fand das Ganze nur „lächerlich“ und selbst Winokurow räumte ein: „Ich mag solche Rennen. Allerdings als Eintagesrennen und nicht als Teil einer Rundfahrt.“ Giro-Direktor Angelo Zomegnan hingegen strahlte voller Stolz. „Meine Mailbox ist voll von Gratulationen für dieses schöne Rennen“, verkündete er.

Grenzen der menschlichen Belastbarkeit

Zomegnan ist zufrieden, dass der Giro spektakuläre Bilder liefert. Den mosernden Statisten seiner Inszenierung beschied er: „Das war heute nur ein Regentag. Als es über den Gavia-Pass ging, mussten die Fahrer durch den Schnee.“ Zomegnan spielte auf die Schneeschlacht 1988 an. In diesem Jahr führt die vorletzte Etappe auch wieder über diesen Pass. Für die nächsten Tage sagt der Wetterbericht Temperaturen unter Null und Schneefall voraus. Spektakuläre Aufnahmen mit erschöpften Fahrern sind sehr wahrscheinlich.

Wer allerdings derart an die Grenzen menschlicher Belastbarkeit geht, muss in Kauf nehmen, dass sich die Versuchskaninchen beschweren. Als härtester unter den Harten erwies sich am Sonnabend wieder einmal der vom Dopingverdacht nicht freie Alexander Winokurow. Er eroberte als Tageszweiter hinter dem Australier Cadel Evans das Rosa Trikot des Führenden im Gesamtklassement. „Ich will es so lange wie möglich verteidigen“, kündigte er an. Winokurow ist beim Giro d’Italia bislang der dominierende Fahrer. Der Kasache, der 2007 wegen Fremdblutdoping aus der Tour de France genommen wurde und nach seiner Sperre auf dem gleichen Niveau weiterfährt, ist genau der Typ Radprofi, den ein Rennorganisator mit einem schier übermenschlichen Parcours herausfordert.

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