Gladbach fehlt Marco Reus : Hinten anfällig, vorne harmlos

Marco Reus, Roman Neustädter und Dante haben Borussia Mönchengladbach im Sommer verlassen. Die Mannschaft von Trainer Lucien Favre kann diese Abgänge bisher nicht kompensieren.

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Überflieger. Dortmunds Neuzugang Reus (r.) gegen Gladbachs Dominguez.
Überflieger. Dortmunds Neuzugang Reus (r.) gegen Gladbachs Dominguez.Foto: AFP

Christofer Heimeroth erhob sich von seinem Platz, er steuerte zielstrebig auf die Mittellinie zu – genau dahin, wo Marco Reus gerade vom Feld ging. Für einen Moment sah es so aus, als wollte der Ersatztorhüter von Borussia Mönchengladbach seinem früheren Kollegen persönlich zu einem herausragenden Auftritt gratulieren. In Wirklichkeit machte sich Heimeroth nur für seine Einwechslung bereit. Aber vermutlich hätte es niemanden gewundert, wenn die ganze Gladbacher Ersatzbank aufgesprungen und den zweifachen Dortmunder Torschützen Reus hätte hoch leben lassen: Seht her, unser Marco! Was für ein genialer Fußballer!

Nur war es leider ein ziemlich schmerzhaftes Wiedersehen für die Borussia vom Niederrhein. 0:5 hieß es am Ende, weil Reus gegen seinen alten Klub die bisher beste Leistung im Trikot von Borussia Dortmund gezeigt hatte. „Das ist einfach eine Granate“, sagte BVB-Verteidiger Neven Subotic. Spätestens am Samstag dürfte sich die seltsame Diskussion erledigt haben, ob und wann Reus sich endlich an die Eigenheiten des BVB-Spiels anpassen werde. Die Debatte hat die überragenden Fähigkeiten des 23-Jährigen verkannt, der für fast jede Mannschaft eine Verstärkung wäre. „Er ist ein Spieler, der Spiele entscheiden kann“, sagte Gladbachs Verteidiger Roel Brouwers.

Bis zum Frühjahr haben die Gladbacher selbst noch von dieser Qualität profitiert. Jetzt, im Herbst, zeigt sich, wie sehr sie Reus vermissen. Leichtfüßigkeit, Dynamik, Durchschlagskraft – all das, was Reus auszeichnet, geht den Borussen vollkommen ab. Aber der Weggang eines Offensivspielers könne doch nicht der Grund sein, dass der Mannschaft auch jegliche defensive Stabilität abhanden gekommen sei, wurde Gladbachs Trainer Lucien Favre nach der 0:5-Niederlage vorgehalten. „Es gibt da eine Verbindung“, entgegnete der Schweizer.

Im modernen Fußball kommt es auf die Balance zwischen Offensive und Defensive an, und die kriegen die Gladbacher im Moment nicht hin: Sie sind hinten so anfällig, weil sie vorne so harmlos sind. Um überhaupt Chancen zu kreieren, müssen sie die Abwehrhaltung aufgeben, die in der vorigen Saison die Basis ihres Erfolges war. Da konnte sich mehr als die Hälfte der Belegschaft ausschließlich der Defensive widmen, weil Marco Reus das Spiel vorne im Zweifel alleine entschieden hat. „Wir hatten einen Spieler, der sich die Chancen selbst erarbeitet hat“, sagte Brouwers.

Neben Reus und Innenverteidiger Dante haben die Gladbacher auch Roman Neustädter verloren. Der war im Mittelfeld so etwas wie Borussias Sicherheitsbeauftragter. Er hat vornehmlich defensiv gedacht und in den anderthalb Jahren als Stammspieler nur ein Tor erzielt. Sein Nachfolger Granit Xhaka hat schon jetzt mit ihm gleichgezogen – nach sechs Spieltagen aber auch mindestens doppelt so viele verschuldete Ballverluste. „Ein, zwei Spieler sind sehr naiv“, klagte Favre. „Ich frage mich, ob wir wissen, wo wir sind.“ Xhaka durfte sich durchaus angesprochen fühlen.

Als Favre die Gladbacher im Februar 2011 übernommen hat, stellten sie die schlechteste Defensive der Liga. In den ersten 53 Pflichtspielen unter ihm kassierten sie dann nie mehr als zwei Gegentore. In dieser Saison ist ihnen das in zehn Begegnungen schon dreimal widerfahren – mit der Folge, dass die Mannschaft jetzt fast wieder da ist, wo sie vor Favre stand. Das Spiel der Borussia weist viele Symptome eines Abstiegskandidaten auf: Der Mannschaft unterlaufen zu viele leichte Fehler, in der Offensive fehlt ihr die Durchschlagskraft, und nach Rückschlägen – wie dem 1:0 der Dortmunder am Samstagabend – mangelt es ihr an Widerstandskraft.

Der aktuelle Zustand seines Teams stellt Favre vor eine besondere Herausforderung, weil er bei Hertha BSC vor drei Jahren eine ähnliche Situation erlebte. Damals hat er auf Außenstehende den Eindruck erweckt, nicht in der Lage zu sein, den Absturz zu stoppen. Auch jetzt bietet er seinen Kritikern mit seiner skeptischen Art Angriffsfläche. „Die Wunder können nicht immer kommen“, sagte Favre in Dortmund. Das hört sich resignierter an, als es ist. An Wunder hat Lucien Favre nämlich noch nie geglaubt.

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