Gladbacher Bökelberg : Nichts als Fußball

Der Fotograf Christoph Buckstegen hat im Mai 2004 das letzte Bundesligaspiel auf dem Bökelberg dokumentiert. Seine Bilder erinnern an eine Fußballkultur, die schleichend verschwunden ist.

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Das letze Mal: Im Mai 2004 spielte Gladbach gegen 1860 München sein letztes Spiel auf dem altehrwürdigen Bökelberg.
Das letze Mal: Im Mai 2004 spielte Gladbach gegen 1860 München sein letztes Spiel auf dem altehrwürdigen Bökelberg.Foto: Christoph Buckstegen

An der Kreuzung Kaldenkirchener Straße/Schürenweg habe ich die Augen geschlossen und zur Sicherheit die Kapuze vors Gesicht gezogen. Nein, nein, nein, ich will das nicht sehen! Vor knapp zehn Jahren hat der Bökelberg sein letztes Bundesligaspiel erlebt, seitdem mache ich einen großen Bogen um ihn. Nur ein einziges Mal führte kein Weg an ihm vorbei. Also: Augen zu und Kapuze vors Gesicht!

In meiner Erinnerung steht der Bökelberg immer noch an seinem Platz. In Wirklichkeit ist er das, was man in England einen Lost Ground nennt: weggesprengt, abgetragen und für immer verloren. Auf der Insel gibt es einen regelrechten Kult um verschwundene Fußballstadien; hierzulande ist dieses Phänomen weitgehend unbekannt. Vielleicht weil es in Deutschland gerade mal eine Handvoll Stadien gibt, die nicht mal mehr in neuer Form am alten Ort existieren: in Berlin das Stadion der Weltjugend und Herthas Plumpe, dazu der Aachener Tivoli und eben der Bökelberg in Mönchengladbach.

Wenn die aktuelle Mannschaft von Borussia Mönchengladbach heute in den Borussia-Park einläuft, wird die Erinnerung an die alte Heimat noch einmal besungen. Aus den Boxen ertönt „Die Elf vom Niederrhein“, die ersten Zeilen lauten: „Samstag Mittag geht es los, ins Stadion zum Bökelberg …“. Doch gemessen an der fast mythischen Bedeutung des Bökelbergs für die Geschichte des Vereins haben Gladbachs Fans ihre Wehmut nach dem Umzug in den Borussia-Park erstaunlich schnell hinter sich gelassen. Sie haben das neue Stadion freudig aufgenommen, ja geradezu herbeigesehnt. Es verhieß ihnen neue Größe, mehr Komfort und dem Verein bessere Vermarktungsmöglichkeiten. Der allgemeine Optimismus war so groß, dass Borussia selbst das Ziel ausgab, drei Jahre nach dem Umzug wieder im Europapokal zu spielen. Drei Jahre nach dem Umzug stieg Borussia in die Zweite Liga ab.

Es war natürlich ein Irrtum, dass der Klub mit seinem neuen Stadion mal eben an der Konkurrenz vorbeiziehen würde. Lediglich die Chancengleichheit wurde wiederhergestellt, die mit dem Bökelberg längst nicht mehr gegeben war. Der Borussia-Park, normiert nach Maßgabe der Bequemlichkeit und ausgerichtet auf höchste Rentabilität, findet sich in ähnlicher Form eben auch in Köln, Hamburg oder Hannover. Wenn man heute in eine laufende Sportschau-Sendung schaltet, ist auf den ersten Blick kaum zu erkennen, wo man gerade gelandet ist: in Augsburg, Frankfurt, Düsseldorf? Oder ist das doch der Borussia-Park?

Der Bökelberg hingegen war unverwechselbar, selbst seine Lage einzigartig: nicht auf freiem Feld mit günstiger Anbindung an die Autobahn, sondern zwischen weißen Villen im besten Wohngebiet der Stadt. Auch das hat seinen speziellen Charme ausgemacht, weil der Fußball gewissermaßen eingemeindet war und nicht an den Rand gedrängt, wo sich niemand gestört fühlen muss.

Mit Komfort, wie ihn vor allem die Vips schätzen, konnte der Bökelberg dafür leider nicht dienen. Es gab keine Logen hinter Glas, mit bequemen Ledersesseln und Rundumversorgung. Drei Viertel des Stadions waren Stehplätze, unüberdacht dazu. Fußball wurde nicht nur auf dem Platz gearbeitet, sondern auch auf den Rängen: immer gegen den Gegner, oft gegen den Schiedsrichter und manchmal gegen den eigenen Anhang. Wenn von den teuren Plätzen Pfiffe gegen die eigene Mannschaft ertönten, rief die Nordkurve: „Scheiß Tribüne!“ Und heute? Heute ist fast alles Tribüne.

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