Sport : Glanzlos stark

Werder Bremen gewinnt in Nürnberg in Bayern-Manier und lästert über den Verfolger aus München

Frank Hellmann[Bremen]

So nah wie möglich hatte Bremens Busfahrer Horst Kück den grün lackierten Mannschaftsbus an den Ausgang der Nürnberger Arena bugsiert und direkt vor der mächtigen Glasfront geparkt. So waren es nur wenige Meter, die die siegreichen Werder-Protagonisten nach dem glanzlosen 2:1 (1:0) beim 1. FC Nürnberg noch ins Freie taten. Das war nicht nur der Bequemlichkeit geschuldet, sondern an diesem kühlen Novemberabend auch schlicht eine Notwendigkeit. Bloß nicht mit nassen Haaren nach draußen, bloß nicht noch mehr Kaltluft einfangen. „Bei uns geht ein Virus um – wir haben uns alle gegenseitig angesteckt“, erklärte Christian Schulz, der wie die meisten seiner Kollegen einen schwarzen Schal um den Hals geschlungen hatte.

Die kollektive Erkältung, eingefangen vor einer Woche in Sofia, schleppte die Bremer Delegation auch noch mit nach Franken – und sie hat mittlerweile gar Dolmetscher Roland Martinez-Vazquez erfasst, der für Werders Südamerikaner übersetzt. Unter diesen Umständen wertete Werder den schmucklosen Zweckfußball als Optimum. „Wir können nicht immer 90 Minuten Vollgas geben und 6:0 oder 6:1 gewinnen“, sagte Sportchef Klaus Allofs, „wir sind keine Zaubertruppe.“ Aber eine Mannschaft, die mittlerweile dank der überragenden Innenverteidiger Naldo und Per Mertesacker das ziel- wie ergebnisorientierte Spiel in bester Bayern-Manier beherrscht. „Wer Spiele gewinnt, in denen er vermeintlich die schwächere Mannschaft ist, steht verdient an der Spitze“, analysierte Mertesacker mit sichtbarer Genugtuung. „Das war sicherlich nicht schön anzusehen“, sagte Nationalspieler Clemens Fritz, „aber das zeichnet Mannschaften aus, die Meister werden wollen.“

Selbst im ermatteten Zustand war Werder für Nürnberg zu stark. Mit minimalem Aufwand verbuchte der Spitzenreiter dank des gekonnten Aufsetzers von Torsten Frings und des brillanten Freistoßes von Diego – dem sechsten Saisontreffer des wieder für die Selecao berufenen Ballkünstlers – maximalen Lohn. Und es war ein besonderes Anliegen der Bremer, den Erfolg als Replik auf die verbalen Angriffe des FC Bayern zu werten. „Der Psychokrieg geht schon los“, erklärte Allofs in Anspielung auf die Aussagen seines Kollegen Uli Hoeneß („Wir sollten nicht alles schönreden, was Bremen macht. Sie sollen ruhig oben stehen bis Weihnachten, aber der Nikolaus war noch nie der Osterhase. Am Ende werden wir vorne sein.“). Das sei vielleicht ein Hilfeschrei aus München gewesen, lästerte Allofs, „es ist wohl eine neue Situation für die, wenn ein anderer Verein oben steht und so viel Image und Renommee gewonnen hat.“ Das störe die Bayern. Und einmal in Fahrt spottete der Rheinländer in Bremer Diensten über die Aussage von Bayern-Profi Daniel van Buyten, Werder gehöre nicht auf Platz eins: „Ich weiß gar nicht, ob der das beurteilen kann: So oft stand er doch nicht an der Tabellenspitze.“

Auch die Spieler schien die Attacke von Uli Hoeneß angestachelt zu haben. „Wir haben bestimmt nicht berauschend gespielt, aber dafür eiskalt“, sagte Torschütze Frings, „die drei Punkte sind die beste Antwort, die Bayern unter Druck zu setzen.“ Bereits am Freitag im Heimspiel gegen Borussia Dortmund kann der Tabellenführer das Spielchen fortsetzen, „bis dahin brauchen wir viel Vitamin C, eine Menge heißen Tee und wenig Training“, empfahl Christian Schulz. Wenn vom bayerischen Rivalen weitere Motivationsspritzen eintreffen, wird bei Werder wohl niemand etwas dagegen haben.

Nürnbergs Trainer Hans Meyer wollte am Dienstagabend die „souveränste Mannschaft der Bundesliga“ besichtigt haben. Und seinem Gegenüber Thomas Schaaf prophezeite Meyer für das Wiedersehen im Frühjahr 2007: „Wenn ihr so weitermacht, habt ihr bis dahin schon so viele Punkte, dass du die Zähler gegen uns gar nicht mehr brauchst.“

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