Sport : Glanzlose Gewinner

Die deutschen Spieler in der Einzelkritik: Philipp Lahm steht lange neben sich, Torsten Frings bringt wenigstens blinde Aggressivität. Und Christoph Metzelder war endlich einmal der bessere Innenverteidiger

Jens Lehmann: Trug wieder sein quietschgrünes Glückshemd, was aber weniger mit Aberglauben zu tun hatte als mit Psychologie. Das Trikot sollte die Blicke der Türken und ihre Schüsse auf sich lenken. Klappte anfangs vorzüglich gegen Kazim, gegen Altintop und gegen Ugurs Freistoß. Beim ersten Gegentor sah Lehmann tapsig aus, Schuld trug er keine. Beim zweiten sah er tapsig aus – und Schuld trug er auch.

Arne Friedrich: Bodenhaftung war laut Bundestrainer Joachim Löw für das Spiel gegen die Türkei ein wichtiges Thema. Der Berliner Friedrich erwies sich als besonders gelehriger Schüler. Blieb perfekt am Boden haften, als sich sein Gegenspieler Ugur vor dem 1:0 bereits in perfekte Position zum Torabschluss brachte. Klärte einmal im Strafraum gegen Altintop und verhinderte das 1:2. Seine wenigen Offensivaktionen blieben ohne Wirkung.

Per Mertesacker: Empfahl sich für die Fair-Play-Medaille. Spielte einen Ball ins Aus nach einem Foul der Deutschen, das der Schiedsrichter gar nicht geahndet hatte – was aber wohl weniger an seiner guten Erziehung lag als an seiner Unkonzentriertheit. Seltsamer Auftritt des Innenverteidigers. Kam vor dem 0:1 zu spät und grätsche Sentürk einmal am Mittelkreis ohne Not von hinten um. Solche Formen der Gewalt lehnt Mertesacker eigentlich grundsätzlich ab.

Christoph Metzelder: Ein ganz neues Gefühl für Metzelder: War zum ersten Mal bei dieser Europameisterschaft der bessere der beiden Innenverteidiger. Lag in nicht unerheblichem Maße an der desaströsen Darbietung seines Partners Per Mertesacker, aber auch an Metzelders insgesamt solidem Auftritt.

Philipp Lahm: Der größte Skandal der Fußballgeschichte: Eines der Ballkinder hatte Lahm vor dem Spiel in der Kabine eingesperrt, sein Trikot angezogen und sich aufs Feld geschmuggelt. Anders lässt sich der Auftritt der deutschen Nummer 16 in der ersten Halbzeit nicht erklären. Spielte einen Katastrophenfehlpass im eigenen Strafraum, schlummerte selig vor Kazims Lattenschuss und stand oft schlecht zu Ball und Gegner. So etwas passiert dem Original-Lahm nicht. Schlug die Flanke zum 2:1 und verhinderte die zum 2:2 nicht. Rettete den Abend dann aber mit seinem entscheidenden Tor.

Simon Rolfes: Schien mit der Intensität eines EM-Halbfinals überfordert zu sein. Spielte ihm sonst unbekannte Fehlpässe, ließ sich den Ball leichtfertig vom Fuß stibitzen, stand und lief falsch. Darf trotzdem daran glauben, dass seine Auswechslung für Torsten Frings zur Pause allein seiner blutenden Kopfverletzung geschuldet war.

Thomas Hitzlsperger: Wie seine Kollegen mit vielen Fehlern. Allerdings leitete er den 1:1-Ausgleich mit einem Pass auf Podolski ein, dessen Konterchance ebenso, und auch das entscheidende 3:2 entsprang einem klugen Zuspiel von Hitzlsperger. Verfehlte mit einem Weitschuss knapp das Tor.

Bastian Schweinsteiger: Führte sein 1:0 aus dem Spiel gegen Portugal wegen des großen Erfolges noch einmal auf. Sprintete auf den kurzen Pfosten genau in eine Hereingabe von Lukas Podolski und vollendete mit dem Außenrist zum 1:1. Nicht so stark wie im Viertelfinale, aber immer noch stark genug, um sich in dieser Mannschaft positiv hervorzutun. Scheint seinen Kollegen gegenüber immer noch eine Art Bringschuld zu empfinden.

Michael Ballack: Verlas vor dem Anpfiff fehlerfrei eine Erklärung gegen Rassismus. Seine einzige auffällige Aktion. Trabte uninspiriert durchs Mittelfeld, gewann keine Zweikämpfe, schoss einen läppischen Freistoß, kurz: konnte die Mannschaft nie mitreißen. Den Einzug ins Finale hat Ballack der Mannschaft zu verdanken – nicht umgekehrt.

Lukas Podolski: War an allen guten Angriff vor der Pause beteiligt – an zwei. Podolski bereitete den Ausgleich vor und vergab keine zehn Minuten später die Gelegenheit zum – unverdienten – 2:1 für die Deutschen. Sein Auftritt war insgesamt noch halbwegs erträglich.

Miroslav Klose: Blödes Spiel für einen Stürmer, der auf die Unterstützung des Mittelfelds angewiesen ist. Das Mittelfeld hatte an diesem Abend genug mit sich selbst zu tun. Lief viel, holte eine Ecke raus, wurde einmal von Lukas Podolski in guter Position übersehen, streute noch einen harmlosen Kopfball ein – und erzielte dann das Führungstor. Weswegen er nun dringend in Verdacht steht, doch ein ganz großer Stürmer zu sein.

Torsten Frings: Kam zur Pause und brachte zumindest blinde Aggressivität ins Spiel. Den Deutschen war damit an diesem Abend schon sehr geholfen. Blinde Aggressivität ist immer noch besser als gar keine Aggressivität wie in der ersten Halbzeit. Seine Einwechslung erwies sich als Segen.

Marcell Jansen: In der Nachspielzeit für Klose eingewechselt, damit er wenigstens auf dem Feld feiern durfte.

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