Sport : Glashaus der Tradition

Im neuen Wembleystadion triumphiert Mourinho

Markus Hesselmann[London]

Eine neue Zahl, ein neuer Mythos: „Die Spieler schreiten jetzt die 107 Stufen hinauf“, rief der Stadionsprecher. So lang ist im neuen Wembley der Anstieg zur königlichen Loge, wo Prinz William am Sonnabend den ersten FA Cup einer neuen Zeitrechnung überreichte. Eine schöne Strecke, wenn man gerade 90 oder sogar 120 Minuten Fußball gespielt hat. Im alten Wembleystadion waren es nur 39 Stufen zum Himmel. In Neu-Wembley ist alles mehrere Nummern größer und glänzender. Aus einer erdigen Arena mit der Patina vieler Fußballjahrzehnte wurde ein stählernes Soccer-Multiplex, dem zwei große Mannschaften und ihre Fans am Sonnabend Seele eingehaucht haben. Mit einem typischen Fußball-Duell des 21. Jahrhunderts: Chelsea gegen Manchester United. Die Neureichen aus dem Süden, die vom Russen Roman Abramowitsch finanziert werden, gegen den Erfolgsklub aus dem Norden, der mit amerikanischem Geld noch wirtschaftskräftiger, noch dominanter, noch globaler werden will.

Der Sieger war auch im neuen Wembley erst einmal der alte: der FC Chelsea. Im Jahr 2000 hatte der Klub aus Südwest-London das letzte Finale vor dem Stadionabriss 1:0 gegen Aston Villa gewonnen. Nach sieben Jahren FA-Cup-Exil in der walisischen Hauptstadt Cardiff siegte Chelsea durch ein Tor von Didier Drogba in der Verlängerung erneut 1:0. Michael Ballack spielte nicht mit. Der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft erholt sich noch von einer Fußoperation. Ballack war aber gestern im Stadion und schaute zu, als seine Mannschaftskameraden oben an der Royal Box die legendäre Trophäe entgegen nahmen und Trainer José Mourinho den Pokal schließlich nach unten auf den Rasen trug. „Ich weiß, wie wichtig Traditionen in England sind“, sagte der Portugiese Mourinho. „Auch für mich ist es ein ganz besonderer Sieg.“

Mourinhos Glücksgefühle lagen aber nicht nur an der mehr als 130 Jahre währenden Tradition des ältesten Fußball-Wettbewerbs der Welt. Auch die Gegenwart war pure Genugtuung: Minutenlang hatten die Chelsea-Fans – rund die Hälfte der 90 000 Zuschauer – Mourinhos Namen gerufen und alle Gerüchte über eine Trennung zwischen Trainer und Verein überstimmt. Klubeigner Abramowitsch sei unzufrieden mit Mourinho, hatten britische Medien des öfteren berichtet. Chelseas Scheitern in Champions League und Premier League verstärkten diese Gerüchte. „Ich werde umziehen“, sagte Mourinho nach dem gewonnenen FA-Cup-Finale. „Aber nicht ins Ausland. Ich suche mir eine neue Wohnung in London, weil hier inzwischen jeder meine Adresse kennt. Sie wurde ja sogar im Fernsehen veröffentlicht.“ Medien, die von Privatsphäre nichts halten – noch so eine britische Tradition.

Wenn Mourinho dann doch einmal zurück auf den Kontinent geht, muss er unbedingt ein Buch über seine England-Erlebnisse schreiben. Eine Anekdote darin könnte von einer weiteren britischen Tradition handeln. Die Insel-Mentalität führt zu fast panischer Angst vor eingeschleppten Krankheiten und hat den Schoßhund der Familie Mourinho jetzt kurzfristig zum Medienstar gemacht. Der Yorkshire-Terrier hielt sich nämlich illegal in Großbritannien auf. Ein klarer Verstoß gegen die Tollwut- und Quarantänebestimmungen. Chelseas Star-Trainer musste zur Klärung der Umstände sogar ein paar Stunden auf einer Polizeiwache verbringen. Am Tag des großen Finales von Wembley konnte Mourinho aber auch hier Einvernehmen verkünden: „Der Hund ist wieder in Portugal“, sagte er. „Jetzt brauchen Sie keine Angst mehr zu haben. London ist wieder sicher.“

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