Sport : Glaube an Diego

Wie die maradonianische Kirche ihren Gott feiert

Karen Na,orf[Buenos Aires]

Fast wäre Alejandro zu spät gekommen. Vor zwei Stunden war der Sportreporter noch auf dem Fußballplatz, jetzt steht er auf der Bühne zwischen zwei Weihnachtsbäumen und liest vor: aus der Autobiographie Maradonas, der Bibel der Maradonianischen Kirche. Die Jünger im Saal schweigen. Sie haben ihre DIOS-T-Shirts angezogen: Dios, zu Deutsch Gott, ist Maradona, die 10 trug er als Spieler auf dem Trikot, noch heute nennt ganz Argentinien ihn „El Diez“, die Zehn. „Ich glaube an Diego, den allmächtigen Fußballspieler, Schöpfer von Magie und Passion“, beten die Gläubigen. Sie leiern das Glaubensbekenntnis der Maradonianer herunter, zwei Minuten später reißen sie die Arme hoch, einige springen auf ihre Stühle, sie schreien, als wären sie im Stadion: „Oleeee, oleeee, Diegooo, Diegooo!“

Der Saal ist ausverkauft. Fast zweihundert Anhänger Maradonas sind nach Ituzaingó, einen Vorort von Buenos Aires, gekommen. Sie sitzen auf weißen Plastikstühlen, trinken Bier und essen Pizza mit viel Käse. Und sie warten, dass Mitternacht wird. Dann hat El Diego Geburtstag, und nach Zeitrechnung der Maradonianischen Kirche beginnt damit das Jahr 45 n.D., nach Diego. Auch in vier anderen Orten Argentiniens haben sich heute Gläubige versammelt, um die maradonianische Weihnacht zu feiern.

Eigentlich war alles zunächst nur ein Scherz: „Frohe Weihnachten“, sagte Hernán Amez am 30. Oktober vor sieben Jahren zu seinem Freund Alejandro Verón am Telefon. „Weihnachten?“, fragte Alejandro. „Na, überleg mal, wer hat heute Geburtstag?“, sagte Hernán, wie Alejandro Sportreporter im lokalen Radio. Alejandro verstand: „Frohe Weihnachten, maradonianischer Bruder!“

Wer Argentinien kennt, den wundert es nicht, dass die Kirche inzwischen 50 000 bekennende Maradonianer zählt. Denn es gibt wenig, auf das Argentinier stolzer sind als auf ihren Maradona. Vielleicht auf ihr Rindfleisch, aber das kann man nun wirklich schwer vergleichen. „Wir wollen nicht, dass ihm erst gehuldigt wird, wenn er tot ist“, sagt Alejandro, der ein DIOS-T-Shirt trägt. Es ist eins von denen, die man nur vorsichtig mit der Hand waschen darf, wenn überhaupt. Gott selbst hat darauf unterschrieben.

Unendlich dankbar sind ihm die Argentinier für sein Tor bei der WM 1986, das dem Land die Ehre wiedergab: Wenige Jahre zuvor hatten die Engländer den Falklandkrieg gewonnen. Mit der Faust boxte Maradona den Ball gegen England ins Netz und machte den Weg frei für einen Sieg Argentiniens. „Es war die Hand Gottes“, erklärte Maradona damals. Dass er selbst als Gott verehrt wird, war ihm zunächst suspekt. „Am Anfang fand ich es etwas seltsam, dass sich 400 Personen in meinem Namen treffen, ohne dass ich dabei bin. Aber ich muss zugeben, dass ich Gänsehaut bekommen habe, es ist rührend“, sagte er einmal der Sportzeitung „Olé“. „Hoffentlich versteht das mit der Bezeichnung Kirche niemand falsch.“

Da macht sich Gründungsmitglied Alejandro keine Sorgen: „Wir sind fast alle katholisch. Der christliche Gott ist für uns der Gott des Verstandes, Diego ist der Gott der Herzen.“ Inzwischen hat die Iglesia Maradoniana Diegos Segen. „Auch als es ihm schlecht ging, als er dick, drogensüchtig und krank war, haben wir zu ihm gehalten“, sagt Alejandro. Weil sie ihn damals nicht vergessen haben, ging Diego vor kurzem mit den Gründern seiner Kirche in ein Restaurant. Sie redeten bis vier Uhr morgens. Es ist schon etwas Besonderes, einen Gott zu haben, der Pizza isst und den man anrufen kann.

Doch heute Abend geht Diego nicht ans Telefon. Hernán versucht seit Stunden, ihn oder seine Tochter Dalma von seinem Handy aus zu erreichen, um eine Grußbotschaft der Jünger zu überbringen. Aber es antwortet nur die Mailbox. Die Maradonianer nehmen ihm das nicht übel. Sie sind guter Dinge, denn sie haben etwas zu feiern. Das Jahr 44 n. D. war ein gutes Jahr für die Gläubigen: El Diego ist zurück. Er ist gesund. Er nimmt keine Drogen mehr. Er ist schlank.

Je näher es auf Mitternacht zugeht, desto festlicher wird es im Club Leloir: In langen Gewändern, die Zehn auf dem Rücken, tragen die zehn Apostel eine Fackel, einen Rosenkranz aus Miniaturbällen und eine kleine Holzkapelle auf die Bühne. Leonel Capitano, ein 25 Jahre alter Tangosänger, singt mit voller Stimme „Lieber Diego, Du bist unser Fußballgott“ auf die Melodie von Schuberts Ave Maria. Um Mitternacht singt die Gemeinde „Happy Birthday“, die Gläubigen steigen auf die Plastikstühle und grölen „Diegooo, Diegooo!“. Doch schon wenige Minuten später packen die Ersten ihre Sachen zusammen. Der weihnachtliche Tempel wird gleich wieder zur Diskothek umfunktioniert.

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