Sport : Glaube aus Gummi

Eigentorschütze Ramos ist Herthas tragische Figur – er reckt und streckt sich und verliert dann allen Halt.

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Nicht auf der Höhe. Adrian Ramos gegen Düsseldorfs Assani Lukimya. Foto: dapd
Nicht auf der Höhe. Adrian Ramos gegen Düsseldorfs Assani Lukimya. Foto: dapdFoto: dapd

Berlin - Wenn aus Adrian Ramos die Spannung weicht, dann wirkt er manchmal wie eine Gummipuppe. Die dünnen Arme und Beine schlackern dann wie elastische Bänder an dem langen Kolumbianer herab, als hätte jemand die Luft herausgelassen oder Marionettenfäden durchgeschnitten. So wirkte der Stürmer von Hertha BSC auch, als er das Relegationsspiel gegen Fortuna Düsseldorf entschieden hatte – mit einem Treffer, aber ins eigene Tor. Mit gesenktem Blick schlackerte Ramos über das Feld.

Wenn Ramos eine Figur ist, dann ist er eine tragische. Eine, die noch einmal aus dieser tragischen Mannschaft heraussticht. Er will, er bemüht sich, das sieht man. Dann ist er gespannt wie ein Gummiseil, reckt und streckt sich.

So wie vor Herthas Führungstreffer, da dehnte er sich lang in der Luft, kam aber nicht an die Ecke von Änis Ben-Hatira heran. Das war gut, denn hinter ihm stand Roman Hubnik, ein durch und durch unelastischer Spieler, und wuchtete den Ball ins Tor.

Nach einer Stunde spannte sich Ramos’ Körper erneut, bei einem Kopfball aus fünf Metern, aber statt für das vorentscheidende 2:0 zu sorgen, schleuderte er den Ball neben das Tor. Da konnte man sehen: Ein Flummi ist Ramos nicht, seine Absprungtechnik ist eigenwillig, sein Timing verbesserungswürdig. Nur einen seiner sechs Saisontreffer hat er per Kopf erzielt.

Ramos hätte der Held werden können: nur in das Team gerückt, weil sich Konkurrent Pierre-Michel Lasogga das Kreuzband gerissen hatte. Seit über 500 Minuten torlos. Und dann die Vorentscheidung zum Klassenerhalt! Es kam anders.

Wenige Minuten nach der verpassten Chance sprang Ramos wieder ein wenig zu niedrig, aber reckte und streckte den langen Hals, um doch an die Düsseldorfer Freistoßflanke heranzukommen. Das war schlecht, hinter ihm war wieder Hubnik, so aber verlängerte Ramos den Ball mit der Stirnkante rückwärts ins eigene Tor.

Dabei hatte der 26-Jährige bis dahin sein bestes Spiel seit langer Zeit gezeigt, seit dem 3:1 in Mainz eigentlich, als er zwei Treffer erzielte. „Für Adrian ist es sehr schade, er hat ein starkes Spiel gemacht, war vorne präsent und gut in der Luft“, sagte Manager Michael Preetz.

Doch nach dem 1:2 war wie der Mannschaft auch aus Ramos alle Spannung gewichen, wurde der Glaube zu Gummi. Außer einem Distanzschuss von Ronny kam nichts mehr auf das Düsseldorfer Tor.

Das ist bitter für den mit 31 Toren besten Schützen der vergangenen beiden Jahre. Natürlich gibt es Gründe für die Krise. Nach einer starken Copa America mit Kolumbien und vielen Verletzungen, darunter eine Zyste am Po, hing er körperlich durch. Dazu ist Ramos sensibel, nach dem Spiel stakst er meist wie ein Reh davon, sagt nur „Ich freue mich“, wenn Hertha gewonnen hat, oder „schade“, nach den vielen Niederlagen.

Ramos hat wie viele seiner Mitspieler das Problem, dass nach einem Rückschlag zu schnell die innere Spannung abfällt. Statt sich an Widerständen aufzurichten, sackt er ein wenig zusammen.

Wenn alles stimmt, der Glaube und die Kraft, dann kann Ramos ein Klassefußballer sein. Das sah man im Aufstiegsjahr, da schoss er gegen Düsseldorf zwei Tore. Wenn er sich im Rückspiel noch einmal aufrichten kann, wenn die erste Aktion im Spiel gelingt, das Rückgrat immer aufrechter wird, er sich reckt und vollstreckt, kann er alles nachholen, das mit dem Helden und dem Klassenerhalt. Aber in dieser Mannschaft, das ist das Problem, fehlt nicht nur ihm der Halt.Dominik Bardow

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