Sport : Glaubenskämpfer

Nordirlands Nationalmannschaft schwächt sich selbst– dafür sorgen radikale protestantische Fans

Martin Alioth[Belfast]

Neun Maskottchen sollen Glück bringen. Zum Länderspiel gegen Deutschland heute in Belfast aus Anlass seines 125. Geburtstags hat der nordirische Fußballverband neun Spieler eingeladen, die 1958 bei der WM in Schweden in der nordirischen Nationalmannschaft standen. Die hatte damals den Deutschen ein 2:2 abgerungen. Seinerzeit tauchte Nordirland zum ersten Mal bei einer WM auf. Peter McParland, der damals die beiden Tore schoss, wird heute wieder dabei sein: als Zuschauer.

Das Vereinigte Königreich hat im Fußball bekanntlich immer vier Chancen, um zu punkten: England, Schottland, Wales und Nordirland stellen eigene Nationalmannschaften, ein gesamtbritisches Team existiert nicht. Doch die Nordiren waren in den vergangenen Jahren nicht sonderlich erfolgreich. Im Gegenteil: Rekordverdächtig war bloß der Zeitraum, in dem die Elf sieglos blieb. Zwischen Oktober 2001 und März 2004 schoss die Mannschaft 1298 Minuten lang kein einziges Länderspiel-Tor und rutschte auf Platz 124 der Fifa-Rangliste ab.

Obwohl die nordirischen Spieler inzwischen nicht mehr allein aufgrund eines protestantischen Glaubensbekenntnisses ausgewählt werden, bleibt ihr Stadion in Belfast, der Windsor Park, fest in der Hand von Anhängern eines exklusiv protestantischen Weltbildes. Wann immer die – wesentlich erfolgreichere – Mannschaft der benachbarten Republik Irland im Windsor Park spielen muss, reisen kaum irische Schlachtenbummler nordwärts. Die konfessionellen Verwünschungen, denen sie dort ausgesetzt sind, ertragen nicht alle. Dunkelhäutigen irischen Spielern werden von der Tribüne aus schon mal Bananen zugeworfen, begleitet von entwürdigenden Dschungelgeräuschen. Zuletzt kam es im April während eines Spiels zwischen den Belfaster Rivalen Linfield (protestantisch) und Glentoran (katholisch) zu Schlägereien auf den Tribünen. Neun Polizisten und zwei Fans wurden dabei verletzt. Vor drei Jahren verabschiedete sich Neil Lennon endgültig und angewidert aus seiner Rolle als nordirischer Mannschaftskapitän: Der erfolgreiche Spieler vom schottischen Klub Celtic Glasgow hatte Todesdrohungen von protestantischen Untergrundverbänden erhalten. Celtic gilt als irisch-katholischer Klub, bei Begegnungen mit dem (protestantischen) Glasgower Stadtrivalen Rangers kommt es regelmäßig zu Krawallen – in Belfast. Der konfessionelle Gegensatz in Schottland geht auf irische Einwanderer zurück, und das weiß das nordirische Publikum.

Deshalb stößt der Vorschlag, im Fußball eine gesamtirische Nationalmannschaft zu bilden – so wie es im Rugby schon eine gibt – im Norden der Insel auf wenig Gegenliebe. Und das, obwohl die guten Spieler beider Mannschaften in englischen und schottischen Teams spielen. Nordirland hat die Irish Football Association als Verband, die Republik wird von der Football Association of Ireland betreut. Bis 1921, als das heutige Irland sich blutig aus dem Vereinigten Königreich verabschiedete, herrschte dagegen noch eine Einheit.

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