Sport : Glaubwürdig in allen Rollen Franziska van Almsick badet in Gefühlen

Frank Bachner

Kurz nachdem Franziska van Almsick zur Medienfigur aufgestiegen war, beauftragte ihr Management einen Ausschneidedienst, der die Artikel über die Weltklasse-Schwimmerin sammeln sollte. Schnell kamen mehr als 12 000 Artikel zusammen. Dann machte die Sammelei keinen Sinn mehr, die Flut der Berichte war zu stark angeschwollen. Unter diesem Berg von Artikeln war viel Unsinn, erfundene oder grob verzerrte Geschichten, aber auch treffende Charakterisierungen. Van Almsick war nie geschmeidig genug, um von sich ein Kunstbild zu zeichnen. Sie blieb entweder ehrlich oder stumm. Deshalb weiß jeder, der ihre Interviews verfolgt hat, viel über ihre Gefühle. „Aufgetaucht“ ist deshalb vor allem eine Vertiefung ihres Gefühlslebens. Geheimnisse enthüllt sie nicht.

Das einzige Geheimnis ist auch kein echtes. Die Essstörungen, die Franziska van Almsick zwischen Herbst 1995 und Anfang 1998 quälten, waren ja kein isoliertes Problem. Dass sie tageweise nur Salzstangen knabberte und einen halben Apfel herunterwürgte, war nur das Ergebnis eines fast schon barbarischen Drucks. Und dieser Druck war bekannt. Man konnte ahnen, dass er sich in einem Suchtverhalten äußert. Man wusste nur nicht, in welchem. „Aufgetaucht“ ist für Leser spannend, die van Almsick nur in ihren verschiedenen Rollen wahrgenommen haben. Als Goldfisch. Als Millionärin. Als erotische Frau. Oder: Als Versagerin. Als faule Genießerin. Van Almsick setzt sich mit diesen Rollen auseinander. Und hier zeigt sich die große Stärke dieses Buchs. Franziska van Almsick hat selber geschrieben, flüssig, nie langweilig, in ihrer klaren Sprache. So wird das wichtige Ziel des Buches erreicht: Glaubwürdigkeit.

Dass sie nicht bloß die Biographie einer Schwimmerin schreiben wollte, zeigen ein paar Schwerpunkte. Sie setzt sich ausführlich mit Tattoos auseinander, die durch ihre Beziehung mit dem überall tätowierten Handballer Stefan Kretzschmar eine völlig neue Bedeutung bekommen haben. Und sie schildert ausführlich ihre Liebe zu ihm. Andere Punkte lässt sie aus oder schildert sie eher knapp. So wären die Hintergründe der Trennung von ihrem langjährigen Manager Werner Köster interessant. Das Verhältnis zu ihrem Trainer Gerd Eßer wird nur kurz abgehandelt. Zum Schluss wird van Almsick pathetisch. „Ich bin jetzt aufgetaucht, die Zeit ist gekommen, um an Land weiterzuleben.“ Nach einem insgesamt ehrlichen Buch gönnt man ihr das.

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