Gleisgeschichten : Im Fanzug nach Basel: Ein Spiel dauert 39 Stunden

Einmal von Berlin nach Basel und zurück. Im Nachtzug mit deutschen Fans kann man viel erleben. Unser Autor war beim EM-Viertelfinale dabei – und hat 48 lauwarme Biere ins Abteil mitgenommen

André Görke[Basel]
Deutscher Jubel
Lass dich knutschen. Deutsche Fans feiern in Basel - sich selbst und die Spieler.Foto: ddp

Es ist Mittwochabend, kurz vor 20 Uhr, ein letzter Gepäckcheck mit den Kumpels in der Halle des Hauptbahnhofs. EM-Tickets? „Ja, hab’ ich dabei“. Personalausweis und Schweizer Franken? Ja, ja. Bierchen? „Logo, acht Sixpacks, das sollte reichen.“

Zahnbürste? „Hallo?! Wir fahren auswärts!“, blafft da einer, der schon einige hundert Male mit Hertha BSC unterwegs war. Soll wohl heißen: Bei so einer Auswärtsfahrt zur EM nach Basel geht’s nur zweitrangig um Körperpflege.

49 Euro kostet die Fahrt im Intercitynightliner in die Schweiz, ein guter Preis inklusive hohem Spaßfaktor. Sitzen ja nur Fans drin. Nun, das stimmt auch, als wir allerdings um 20.15 Uhr auf Gleis 13 auftauchen, ist der Andrang ungefähr so groß wie vor einer Fahrt im Eseltransporter nach Aserbaidschan. 29 Fans gucken sich verschämt an, das letzte Aufgebot. Einer murmelt: „Wir sind die letzten Deppen.“ 20.20 Uhr, Abfahrt. Schnell ein paar Bier gekippt, Auswärtsanekdoten erzählt („Weißt du noch? 54 Stunden mit der Eisenbahn nach Kiew?“). In Bad Hersfeld trommelt schließlich der Schaffner in bester Hausmeistermanier gegen die Scheibe. „Ruhe jetzt!“ Es ist 2.30 Uhr.

Die Ruhe währt nur kurz. „Guten Morgen, liebe Fans!“ Der Schaffner meldet sich via Lautsprecher. Immerhin, wir haben drei Stunden Zeit zu schlafen. Dann: Grenzkontrolle. Sind Sie Hooligans? Wir prüfen kurz mal Ihren Personalausweis, alles sauber, danke „und viel Glück!“, sagt der Schweizer Polizist und lächelt. Im Abteil stinkt’s. Hat jemand an Zahnpasta gedacht? Es ist 6.12 Uhr, das erste Bier. Es ist schön lauwarm.

Die örtliche Zeitung „Baslerstab“ heißt uns auf ihrer Titelseite willkommen, die Sonne scheint – in der Kneipe nicht. Es ist 8.07 Uhr. Am Nebentisch sitzt ein dicker Handwerker (Goldkettchen, Deutschlandtrikot, betrunken), der ein Mädchen anquatscht. Sie zischt: „Balourd.“ Depp. Es wird Zeit für Frühstück (ohne Pils!).

11.19 Uhr. Das Frühstück ist ausgefallen, eine Büchse Bier kostet auf der Fanmeile 7,50 Franken, „inklusive Deppott“. Deppowas? „Depot – Pfand!“ Ach so.

Die Innenstadt füllt sich nur langsam. „Hier ist nur was los, wenn EM-Spiele sind“, sagt eine Verkäuferin. Bei der WM haben die Berliner einfach mitgefeiert. Die Schweizer scheinen bei ihrer EM konsequent desinteressiert. Schade. Im Restaurant am Marktplatz bestellen wir Schnitzel. „Schnipo?“, fragt die Frau. Bitte? „Schnitzel mit Pommes?“

15.32 Uhr, der erste Sonnenbrand. „Do you need tickets?“ Drei Engländer bieten Karten an. Sie haben alle, wirklich alle, vor allem im „Blue Sector“, wo die portugiesischen Fans sitzen. Aber auch für green, red, yellow, er müsse nur kurz telefonieren. Der Schwarzmarkt bricht gerade zusammen. Vor dem Spiel wurden Karten für 1000 Euro bei ebay verhökert, jetzt für 235 Euro. Wir haben vor der EM 120 Euro Originalpreis bezahlt.

16.57 Uhr. Überall deutsche Fans, wo sind eigentlich die Portugiesen? Da, drei Jungs. Man ruft mutig: „Do you know Schweini?!“ Die Jungs lachen uns aus.

18.14 Uhr. „Zehn Minuten Fußmarsch zum Stadion“, hatte die Verkäuferin gesagt. Nach zehn Minuten sagt ein Polizist, dass es noch 20 Minuten sind. Wo sind eigentlich die Portugiesen? Und wo die Schweizer? Einen sehen wir, er mäht die Hecke. Um 19.03 Uhr sind wir am Stadion.  Die Ordner sind so lustlos wie ihre Landsleute und tasten uns nicht mal ab. Müffeln wir? Ein Schwarzmarkthändler verkauft Tickets für 100 Euro.

Kurz vor Anpfiff. Wir halten schwarze, rote, gelbe Zettel hoch, als die deutschen Spieler einlaufen. Im Portugal-Block sitzen mehr Fans in weißen als in roten Trikots. Als die deutsche Hymne ertönt, singen 25 000 Fans mit, mindestens. „Wir ham’ ein Heimspiel in Basel!“ Ob auch Schweinis hübsche Freundin mitjohlt?

Dann das Spiel, 1:0, 2:0, 2:1, 3:1, 3:2. Pfeif ab! Gott, warum pfeift der nicht ab?! Dann endlich, wir liegen uns in den Armen, alle sind verschwitzt, egal.

Zurück zum Bahnhof, 23.35 Uhr. Leider ist der gesperrt wegen Überfüllung, zu viele deutsche Teenies aus den Nachbargemeinden sind über die Grenze gekommen, um in Basel zu feiern. „Die Mauer muss weg!“, rufen sie den strengen Sicherheitsbeamten entgegen. Die Polizei lotst uns durch einen Seiteneingang auf den Bahnsteig. Es ist 0.33 Uhr, zwei besoffene Teenies wollen die Polizei austricksen und haben sich in den Zug geschmuggelt. „Psst, eine Frage“, flüstert einer. „Wo hält der das nächste Mal?“

11.20 Uhr, Berlin-Lichtenberg, nach 39 Stunden sind wir zurück in Berlin. Auf dem Handy blinken zig SMS. „Geil!“ „Irre!“ „Der Hammer!“ Das Land ist im Ausnahmezustand, und wir waren live dabei. Wollen wir zum Halbfinale wieder nach Basel? „Nee, lass mal“, meint einer der Jungs. „Dieses Spiel war wie das bei der WM gegen Argentinien: nicht zu toppen.“

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