Sport : Globalisierung im Basketball: Basketball-Diplomatie

Benedikt Voigt

Diese Talentsuche wird Donn Nelson so schnell nicht vergessen. Es war im Sommer 2000, als der Assistenz-Trainer der Dallas Mavericks irgendwo in China zu einem Essen eingeladen war. "Das Mahl begann, als der Gastgeber eine lebende Schlange an den Tisch brachte", berichtet Donn Nelson im Basketball-Magazin "Hoop". Die Schlange - eine Kobra oder etwas ähnliches - wurde filetiert, die Innereien in ein Glas mit Alkohol gegeben und mit einem Mörser zerstampft. Das Glas machte die Runde. Was sollte Donn Nelson tun? Er trank so wenig wie möglich.

Was tut man nicht alles, um an einen neuen NBA-Spieler zu kommen. Am 5. April 2001, knapp eineinhalb Jahre nachdem Nelson den Schlangen-Cocktail hinuntergewürgt hat, debütierte der Chinese Wang Zhizhi (gesprochen: "Schischi") bei den Dallas Mavericks im Spiel gegen die Atlanta Hawks. Der 2,11 Meter große Centerspieler aus dem Reich der Mitte erzielte sechs Punkte und drei Rebounds. Nach fünf Spielen für Dallas ist Zhizhi gegenwärtig wieder auf dem Weg nach Hause. In der aktuellen Play-off-Serie gegen die Utah Jazz ist er nicht für Dallas startberechtigt. Die Mavericks hoffen aber, dass Zhizhi im Sommer einen Zweijahresvertrag unterzeichnet. Donn Nelson lobt: "Er hat großes Potential und wird immer besser."

Es war nicht einfach, den ersten Chinesen in die NBA zu holen. Bereits 1999 hatte sich Dallas im Draft die NBA-Rechte an dem populärsten Basketballer Chinas gesichert. Doch China ließ Zhizhi nicht gehen. Der Offizier der Roten Armee spielte für den Armeeklub Bayi Rockets. Erst als sich sein Verein in der Saison 2000/2001 den sechsten Landestitel gesichert hatte, bekam Zhizhi die Erlaubnis, für Dallas zu spielen. Er traf ausgerechnet zu einer Zeit in Texas ein, als die politische Beziehung zwischen den USA und China wegen des Absturzes eines US-amerikanischen Spionageflugzeuges gestört waren. Bei der Freigabe für Zhizhi spielte auch Basketball-Diplomatie eine Rolle. Das Land kann durch einen freundlichen Botschafter des Sports sein Image in den USA verbessern. Das könnte helfen, die Olympischen Spiele 2008 nach Peking zu bekommen

Nach dem Spiel gegen Atlanta sagte Zhizhi mit Hilfe eines Dolmetschers: "Das Spiel hat gezeigt, dass ein Chinese mit den besten Basketballspielern der Welt mithalten kann." Tatsächlich ist das Niveau im Reich der Mitte in den letzten zehn Jahren gestiegen. "Durch den internationalen Wettbewerb spielen Chinas Top-Spieler nun auf einem höheren Level und haben ein flüssigeres Spiel entwickelt", sagt Terry Lyons, der NBA-Vizepräsident für internationale Beziehungen. Längst werden neben Wang Zhizhi auch zwei weitere Chinesen, der 20-jährige Centerspieler Yao Ming und der Flügelspieler Menk Batere, als NBA-Kandidaten gehandelt. "Die chinesische Mauer" hatte man das Nationalmannschafts-Trio bei den Olympischen Spielen in Sydney genannt. "Ich denke, dass es alle drei in der NBA schaffen können", sagt die Basketball-Legende Rick Barry. Er coachte im vergangenen Jahr ein Spiel gegen die chinesische Nationalmannschaft. Basketball wird unter einer Milliarde Chinesen immer populärer, über 150 Millionen können Spiele aus der NBA sehen. Anlässlich Zhizhis Wechsel berichtete eine chinesische Sportzeitung sogar über so Nebensächlichkeiten wie seine Blutgruppe - null - und seine Lieblingsessen: Geröstete Ente.

In Dallas musste sich Zhizhi an andere Mahlzeiten gewöhnen. Beim Freiwurf-Training erklärte ihm Donn Nelson, dass die Zuschauer der Mavericks ihre Eintrittskarte bei der Imbisskette Taco Bell gegen Chalupas eintauschen können, wenn das Team 100 Punkte oder mehr erzielen. Prompt sorgte Zhizhi durch seinen Treffer zum 101:81 gegen Atlanta für Jubel bei den hungrigen Fans. Ein Chinese muss nicht immer nur Schlangen-Cocktail servieren.

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