Glosse : Meilenweit Fans

Tagesspiegel-Kulturchef Rüdiger Schaper verspürt einen Phantomschmerz, wenn er sich die Jubelei am Brandenburger Tor anschaut. Er vermisst das Drama des Fanseins.

Rüdiger Schaper

Was ist ein Fan? Man kann die Frage nicht mehr beantworten, ohne in tiefe Melancholie zu verfallen. Ein Fußballfan ist jedenfalls niemand, der sich auf Fanmeilen amüsiert. Auf Fanmeilen wird gefeiert, ganz egal wie das Spiel ausgeht, als gelte es, Miles & More-Punkte zu sammeln. Fanmeilen sind Ansammlungen von Menschen, die Party machen – vor fußballerischem Hintergrund. Solche Fans trugen in den vergangenen Tagen und Wochen zwar die Farben ihrer Mannschaft, klatschten sich die Hände heiß und brüllten sich die Kehlen wund. Doch Schmerz und Trauer kennen sie nicht, oder nur flüchtig, die schwarz-rot-goldenen Fußballindianer, und selbst eine Finalniederlage konnte die große deutsch-spanische Fete nicht aufhalten.

Früher war ein Fußballfan ein Mensch, der nicht zu trösten war, wenn seine Mannschaft als Verlierer vom Platz ging. Der sich noch Jahre und Jahrzehnte später an schlimme Momente (Wembley-Tor! Zidanes Kopfstoß!) erinnert und erbleicht. Dem man niemals mit Sprüchen wie „Fußball ist doch nur ein Spiel“ oder „Meister der Herzen“ kommen darf. Der still leidet und in sich geht, wenn der Schiedsrichterpfiff das Schicksal besiegelt. Der Sammy Drechsel („Elf Freunde müsst ihr sein“), Nick Hornby („Fever Pitch“) und vielleicht auch Wolfgang Schadewaldt („ Die griechische Tragödie“) gelesen hat und aus eigenem Erleben weiß, dass Drama keine Erfindung von Bruce Darnell ist und auch nicht immer Katharsis mit sich bringt. Kurz: Ein Fußballfan gehört zu einer Spezies, die eines Tages aussterben könnte, wenn die Meilen, die Partys, die WM- und EM-Sommermärchen überhandnehmen.

Märchen sind grausam. Das gerät in Vergessenheit. Da geht es dem Fußball nicht anders als der Kultur. Sie werden sich immer ähnlicher: Fanmeilen-Fußball und Event-Kultur. Beim Event sind die äußeren Umstände, die gute Laune, die blanken Zahlen wichtiger als die Kunst. Die erzeugt nur noch Phantomschmerzen. Events sind aufgeblasen und kurzlebig, kommen mit großem Tamtam daher, viel Geld ist dabei unterwegs.

Berlins Museumschef Peter-Klaus Schuster, der Michel Platini vom Pergamonmuseum, hat die Babylon-Ausstellung schon vor ihrer Eröffnung zum Event erklärt, man rechnet locker mit 300000 Besuchern und gutem Merchandising-Umsatz („Babel-Bier“). So werden Museen zu Fanmeilen, gleichsam auf Kunstrasen. Alle waren da, keiner hat richtig was gesehen, und manchmal ist wegen Überfüllung geschlossen.

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