Sport : Glückliches England

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Als David Beckham um 13.10 Uhr britischer Sommerzeit den Elfmeter verwandelte, waren Londons Straßen wie ausgestorben. Die Londoner hatten sich vor die Fernsehapparate zurückgezogen. Ganze Betriebe waren geschlossen in die Pubs gezogen. Die Nachrichtenagentur Bloomberg hatte einen Großbildschirm vor ihrem Büro aufgestellt. In Manchester verfolgten 3000 Fans das Spiel im Stadtzentrum vor einer Leinwand der BBC. Der Zugbetreiber Chiltern Trains musste acht Züge während des Spiels stehen lassen, weil die Fahrer fehlten. Im Londoner Kriminalgericht Old Bailey wurde ein Prozess zwei Stunden unterbrochen, damit die Geschworenen das Spiel der Spiele sehen konnten. Fünf Millionen Briten, fast ein Viertel aller Beschäftigten, hatten sich den Tag frei genommen und schätzungsweise zwei Millionen weitere waren nicht zur Arbeit erschienen. Auch Premierminister Blair hatte seinen Kalender freigehalten, um das Spiel auf seinem Landsitz zu verfolgen.

Mit dem Schlusspfiff rannten die Menschen auf die Straße, umarmten sich, küssten sich, tanzten und schwenkten Fahnen. Es gab Hupkonzerte, viele Autos hatten England-Wimpel aufgesteckt, und schon eine Stunde nach dem Spiel konnte man in London Hemden mit dem Aufdruck England 1 - Argentina 0 kaufen. Den schätzungsweise zwei Milliarden Euro betragenden Produktivitätsausfall wird das nicht ausgeglichen haben. Zu den Verlierern gehörten die Wettbüros: Rund zwölf Millionen Pfund haben patriotische Engländer auf ihre Elf gesetzt - obwohl die Wettbüros die Chancen nur mit 16 zu 1 angesetzt hatten. Eine Welle des Wohlgefühls schwappt nun durch das Land. Sie wird Expertenprognosen zufolge auch den Wirtschaftsausfall wieder ausgleichen. Matthias Thibaut

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