Go : Der Kampf um die Gebiete

Go ist ein uraltes Brettspiel, das vor allem in Asien populär ist – die deutschen Meisterschaften sind dagegen ein Insider-Treffen.

Martin Gropp[Frankfurt am Main]

Als Robert Jasiek aus seiner tiefen Ruhe erwacht, geht alles ganz schnell: Im Wechsel legen Jasiek und sein Gegner Benjamin Teuber einen Spielstein nach dem anderen auf ein mit kleinen Quadraten bemaltes Brett, das vor ihnen liegt. Schwarz, weiß, schwarz, weiß, tack, tack, tack. Mit flinken Handbewegungen fischen Jasiek und Teuber die Steine aus den Urnen neben sich und platzieren sie auf dem Brett, wo sie mit einem Klacken landen. Doch plötzlich werden beide wieder ruhig und starren auf das Brett. Jetzt sind sie wieder in tiefe Konzentration versunken. Jetzt wird jedes Geräusch als Störung empfunden. Nur die Uhr, welche die verbleibende Bedenkzeit anzeigt, verrät mit ihrem Ticken: Diese Partie Go ist noch nicht vorbei.

Der Berliner Jasiek und der Hamburger Teuber sind zwei der insgesamt acht Spieler, die an diesem Wochenende in Frankfurt am Main an der deutschen Meisterschaft im Go teilnehmen. Go? Davon haben viele irgendwann mal etwas gehört. Aber was sich genau dahinter verbirgt, das weiß kaum einer.

Das asiatische Brettspiel stammt aus dem 4. Jahrhundert vor Christus, und seit dieser Zeit ist das Ziel des Spiels, das Brett zu beherrschen: Die Spieler legen ihre Steine auf die Schnittpunkte der Spielbrett-Quadrate und versuchen so, abgeschlossene Gebiete zu markieren. Jeder freie Schnittpunkt innerhalb dieser Gebiete ergibt in der Endabrechnung einen Punkt. Wer am Ende mehr Punkte hat, gewinnt die Partie. Bei den deutschen Meisterschaften wird auf Zeit gespielt, jeder Spieler darf zweieinhalb Stunden nachdenken, so dass eine Partie bis zu fünf Stunden dauern kann.

Für Jasiek enden die ersten vier Runden bei diesen Titelkämpfen, die im Modus „Jeder gegen Jeden“ ausgespielt werden, mit Niederlagen. „Das Problem bei ihm ist, dass er sich immer wieder qualifiziert, aber es reicht nie für einen Podiumsplatz“, sagt Organisator Gunnar Dickfeld vom Deutschen Go-Bund. Auch der zweite Berliner, Marco Firnhaber, hat heute nur noch eine rechnerische Chance auf den Titel.

Im Vergleich zum Schach ist der Kreis der nationalen Go-Spieler eher überschaubar: In Deutschland sind etwas mehr als 2000 Spieler im Deutschen Go-Bund registriert, der anders als die Lebensrettungsgesellschaft, der Deutsche Eisstock-Verband oder eben der Schachbund nicht einmal Mitglied in der Vereinigung der nicht-olympischen Sportverbände ist. Die Zahl der regelmäßigen Spieler in Deutschland wird auf 20 000 geschätzt, was aber immer noch verschwindend gering ist angesichts von 100 Millionen Menschen, die das Brettspiel weltweit betreiben.

Go ist vor allem in China, Korea und Japan verbreitet. In Japan lernte auch der Bremer Hans Pietsch das Handwerk mit den schwarzen und weißen Steinen in Linsenform. Pietsch ist der bisher einzige deutsche Spieler, der es je zum Profi brachte. 1990 ging er nach Fernost und machte Go zu seinem Beruf. Vor sechs Jahren endete seine Karriere auf tragische Weise und im Zeichen der Steine: Pietsch reiste auf einer Go-Promotionstour durch Lateinamerika, als ihn Räuber bei einem Überfall in Guatemala töteten. Es war, abgesehen vom rein menschlichen Schicksal, ein schwerer Schlag für die deutsche Go-Gemeinde.

Zurzeit versuchen die Deutschen, mit Hilfe aus dem Ausland wieder Anschluss an die anderen Länder zu finden. Im Verein des Hamburger Meisterschaftsteilnehmers Christian Stodte sind immer wieder gute koreanische Spieler zu Gast, die das Training leiten oder Privatunterricht geben. „Das hebt unser Spielniveau“, sagt Stodte. Einer seiner Kollegen hofft, dass aus einem ganz einfachen Grund die Zahl der Go-Spieler zunimmt. „Die Regeln“, sagt Gunnar Dickfeld vom Go-Bund, „sind kinderleicht.“

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