Sport : Gold als Gegenleistung

Sprinter Unger lebt von seiner Bodenständigkeit

Frank Bachner

Berlin - Das Ganze ist ein netter Deal. Tobias Unger, Student der Sportwissenschaften, darf seine Hausarbeit über Ernährung im Sport etwas später abgeben als geplant. Sein Professor hat ihm extra ein paar Tage Aufschub gegeben. Dafür aber musste Unger, das war die Forderung des Professors, eine Medaille gewinnen bei der Hallen-Leichtathletik-EM in Madrid. Der Professor heißt Helmut Digel, da überrascht dieser Handel nicht. Digel, war jahrelang Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbands, ist immer noch Vizepräsident des Internationalen Leichtathletik-Verbands und hauptberuflich Leiter des Tübinger Sportinstituts. Unger hielt sein Versprechen. Er holte Gold über 200 m, er lief 20,53 Sekunden, er lief Deutschen Hallenrekord. Und er lief noch ein bisschen mehr ins Rampenlicht.

Unger kommt ja nicht aus dem Nichts. Tobias Unger, 25 Jahre alt, Sprinter vom LAZ Salamander Kornwestheim/Ludwigsburg, arbeitet sich seit Jahren nach oben, Schritt für Schritt. Immer nur so schnell, dass er nicht die Bodenhaftung verliert. 2001 Deutscher Vizemeister über 200 m, 2003 und 2004 Deutscher Meister, 2004 Dritter der Hallen-WM. Er ist keiner dieser Überflieger, und genau deshalb kann man von ihm noch einiges erwarten. Unger ist kein zweiter Tim Goebel. Tim Goebel war 17, als er über 60 Meter Deutscher Hallenmeister wurde, er galt prompt als die neue deutsche Sprinthoffnung. Dann scheiterte er an seiner Arroganz und Selbstüberschätzung und den vielen Schulterklopfern. Er verlangte mal, dass man ihm das Auto, das ein Sponsor ihm übergeben wollte, vor die Haustür fuhr. Die Leitungen ließen nach. Jetzt spielt er im Sprint keine herausragende Rolle mehr.

Als Tobias Unger kaum erwachsen war, da ging er bei einem Hallenmeeting in Stuttgart mal aufgeregt auf den Sprint-Superstar Maurice Greene zu. „Ich wollte wissen, ob so einer mit mir überhaupt redet“, sagt Unger. Greene plauderte nett mit dem Nobody. „Tobias ist sehr selbstkritisch“, sagt Uwe Hakus, der Bundestrainer der deutschen Sprinter. „Er lässt sich viel sagen und arbeitet intensiv an sich.“ Im Juni 2003 war Unger 20,41 Sekunden gelaufen, fast 18 Jahre lang war kein deutscher Athlet so schnell auf dieser Strecke. Und in Athen, bei den Olympischen Spielen, verbesserte sich der Schwabe im 200-m-Zwischenlauf auf 20,30 Sekunden. Für ihn eine ausgezeichnete Zeit. Aber vor dem Halbfinale sagte er locker zu Hakus: „Uwe, heute ist mehr drin.“ Dann lief er ins olympische Finale. Dort landete er auf Platz sieben, mit 20,64 Sekunden

Dieses Selbstbewusstsein, kombiniert mit genügend Selbstkritik, hat Unger so weit und so kontinuierlich nach vorne geführt. Und er hört immer noch auf die Ratschläge seines langjährigen rumänischen Trainers Micky Corucle. Das spricht für seinen Erfolgswillen. „Wir trainieren knüppelhart“, sagt Unger. Corcules Methoden hatte er mal als „Methode Ost“ bezeichnet. So einer denkt inzwischen pragmatisch. Sicher, den deutschen Rekord von Frank Emmelmann, die 20,23 Sekunden, peilt er an. Andererseits: „Platz vier in 20,40 Sekunden bei der WM im Sommer ist mir lieber als ein sechster Platz in 20,30 Sekunden“, sagte er in Madrid.

Aber jetzt muss er sich erst mal um seine Hausarbeit kümmern. Da hat er jetzt genug zu tun. Das Werk umfasst 16 bis 18 Seiten.

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