Sport : Gold aus Potsdam

Judokämpferin Yvonne Bönisch schafft den ersten deutschen Olympiasieg in Athen

Martin Hägele[Athen]

Die Kraft reichte bei Yvonne Bönisch gerade noch aus, um beide Arme zu heben. Die Judo-Kämpferin aus Potsdam hatte sich im Finale der Klasse bis 57 Kilogramm gegen die Nordkoreanerin Sun Hui Kye derart verausgabt, dass sie den Olympiasieg nicht einmal ausgelassen feiern konnte. „Die letzte Minute war ich fix und fertig. Da habe ich nur noch gehofft, dass ich keine Bestrafung bekomme“, beschrieb die Athletin, die noch lange nach dem Erfolg fassungslos wirkte, ihre Gefühle. „Es wird noch eine Weile dauern, bis ich begreife, was ich vollbracht habe“, sagte die 23-Jährige nach dem Gewinn der ersten Goldmedaille für die deutsche Olympiamannschaft in Athen und dem ersten Olympiasieg für eine deutsche Judokämpferin überhaupt.

Eigentlich mangelt es Bönisch nicht an Selbstbewusstsein. Vor etwa einem Monat hatte Bönisch der „Deutschen Judo-Zeitung“ ein Interview für die Athen-Ausgabe gegeben. Am Ende fragte sie den Autor: „Eine Medaille sollte drin sein, das kann man doch sagen, oder?“

Entsprechend motiviert trat die Potsdamerin im schwersten Wettkampf ihrer Laufbahn auf. „Noch nie habe ich sie so selbstsicher erlebt“, sagte Bundestrainer Norbert Littkopf. Die gute psychische Verfassung begründete sich wohl in Bönischs Erfolgen in den olympischen Vorkämpfen: Mit einer Fußtechnik 50 Sekunden vor dem Ende wehrte sie die Niederlage gegen die Sydney-Olympiasiegerin Isabel Fernandez aus Spanien ab, 17 Sekunden brauchte sie um Isabel Garcia aus Puerto Rico von den Beinen zu holen, Kie Kusabawe aus Japan, immerhin WM- Dritte, war nach 39 Sekunden bezwungen, und nach einer Minute und zwanzig Sekunden war das Halbfinale für Deborah Gravenstijn aus den Niederlanden beendet.

Alle mentalen Kräfte brauchte Yvonne Bönisch, als sie schließlich am Montag mit Sun Hui Kye auf der Matte stand. Denn diese kräftige Kämpferin ist berühmt im Judo, sie war vor acht Jahren Olympiasiegerin in Atlanta und 2000 Bronze-Gewinnerin in Sydney. Kye ist damit nicht nur die sportliche Vorbild ihres Landes geworden, sie gehört auch mit Yvonne Bönisch zu den „zwei schnellsten Kämpferinnen der Welt“, so Bundestrainer Littkopf. Kämpfe mit ihr können schnell enden – und mit brutalen Schmerzen. Nach dem Finale des letzten WM-Turniers wurde Bönisch mit ausgekugeltem Ellbogen und mehreren Bänderrissen in ein Krankenhaus in Osaka gefahren. Das hatte sie nicht vergessen.

Als gestern um 18.11 Uhr griechischer Zeit die deutsche Nationalhymne zu Ehren der Olympiasiegerin gespielt wurde, hatte Yvonne Bönisch einen Lorbeerkranz auf den blonden, verschwitzten Haaren. Doch sie überließ sich nicht ihren Gefühlen. Nur ein paar Mal schluckte sie. So kämpfte sie sich durch die Hymne. Kämpferinnen weinen nicht.

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