Sport : Gold gewollt, Silber gewonnen

Favoritin Franka Dietzsch wird bei der EM Zweite im Diskuswurf

Friedhard Teuffel[Göteborg]

Irgendetwas muss passiert sein auf dem Weg vom Aufwärmplatz hinein ins Ullevi-Stadion von Göteborg. Auf den wenigen Metern schien Franka Dietzsch etwas verloren zu haben, die Siegesgewissheit oder die Leichtigkeit. „Auf dem Trainingsplatz bin ich noch in den Bereich meiner persönlichen Bestweite gekommen“, sagte die Weltmeisterin im Diskuswerfen. Ihre Bestweite beträgt 69,51 Meter. Als Dietzsch jedoch im Stadion ankam, fühlte sie auf einmal einen Unterschied. „Mensch, die Beine, die Beine“, dachte sie sich, „sie waren auf einmal so müde“. Den Diskus konnte sie mit ihren schweren Beinen nur noch 64,35 Meter weit fliegen lassen. Das reichte immerhin noch zur Silbermedaille bei diesen Leichtathletik-Europameisterschaften. Die 38 Jahre alte Dietzsch musste nur die 21 Jahre alte Russin Daria Pischalnikowa vorlassen. Die hatte sich ihre persönliche Bestweite für den Wettkampf aufgehoben und warf 65,55 Meter.

Es war eine eigenartige Veranstaltung, nichts zum Begeistern. „Mit der Silbermedaille bin ich zufrieden, aber mit meiner Weite kann ich nicht leben. Die stinkt mich schon ein bisschen an“, sagte Dietzsch, die derzeit einzige deutsche Leichtathletik-Weltmeisterin. Auch bei den Konkurrentinnen fiel der Diskus ein ganzes Stück vor ihrer Saisonbestleistung runter auf die Wiese. Eine Werferin nach der anderen verließ den Ring mit mürrischem Gesichtsausdruck.

Im ersten Durchgang ging Franka Dietzsch gleich in Führung mit 63,88 Metern. Doch ihre zweifelnde Miene verriet, dass ihr das bei weitem nicht genügte. Den zweiten und dritten Versuch ließ Dietzsch gar nicht erst ausmessen. Der Diskus war jeweils um die 61 Meter gelandet. Dietzsch saß auf der überdachten Bank wie ein trotziges Mädchen, das gerade im Freibad angekommen ist und seine Badesachen vergessen hat. Dann übernahm Pischalnikowa mit ihrem vierten Versuch und 65,55 Metern die Führung, und jetzt war es an Dietzsch zu reagieren. Doch einiges ging ihr gehörig auf die Nerven. „Fünf bis sechs Siegerehrungen sind während unseres Wettkampfs durchgezogen worden“, klagte sie und außerdem sei da noch ein schwedischer Mann mit einer Fernsehkamera gewesen, der sie auf Schritt und Tritt verfolgte. „Ich konnte mich nicht mal einen Moment entspannen.“ Bockig saß sie vor ihren letzten beiden Versuchen auf dem roten Boden des Stadions und ließ sich auch nicht mehr auf ein Gespräch mit ihrem Trainer Dieter Kollark ein, der ihr noch ein paar Tipps geben wollte. „Der sagt sowieso immer das gleiche“, brummte sie hinterher.

Am Wind habe es jedenfalls nicht gelegen. „Mir ist es egal, ob der Wind von vorne oder hinten kommt“, sagte sie. Als Dietzsch ihren letzten Wurf noch in den Fangzaun geworfen hatte, hüpfte Pischalnikowa jubelnd auf und ab. Beim letzten Versuch der jungen Russin regten sich allerdings kaum Hände, um die neue Europameisterin anzufeuern. Die meisten Zuschauer waren schon gegangen. Sie selbst schien das nicht zu stören. „Ich bin einfach so glücklich“, sagte sie, und wollte anschließend gar nicht mehr aufhören, anderen ihre Freude mitzuteilen.

Pischalnikowa ist die Tochter eines Diskuswerfers und einer Diskuswerferin und hat vorher auch schon drei Jahre Handball gespielt. Ein Mannschaftssport sei aber nichts für sie. „Ich will für meine Ergebnisse alleine verantwortlich sein.“ Die drittplatzierte Rumänin Nicoletta Grasu verlangte anschließend von Pischalnikowa noch weitere gute Leistungen, um sie zu überzeugen. Auf dem Podium rahmten die 34 Jahre alte Grasu und die 38 Jahre alte Dietzsch die Siegerin ein wie zwei Handwerksmeisterinnnen einen Prüfling, und Dietzsch machte für die Weltmeisterschaft 2007 in Osaka gleich eine Ansage: „Nächstes Jahr werde ich sie besiegen.“ In ihr brodelte die Unzufriedenheit, bei dieser EM nicht alles gezeigt zu haben: „Ich hab so eine Pfanne, ich hab so viel drauf.“

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