Sport : Gold – kein Gold – zweimal Gold

Reiterin Bettina Hoy wird der Sieg aberkannt, doch nach einer erfolgreichen Berufung gewinnt sie erneut

Benedikt Voigt[Athen]

Auf der olympischen Reitanlage in Markopoulo steht ein kleiner Orangenbaum. Er soll den Parcours der Springreitanlage schmücken. Um Orangensaft zu liefern, ist er nicht gepflanzt worden. Dieser Baum ist kaum der Rede wert, dennoch wird ihn die deutsche Olympia-Mannschaft im Vielseitigkeitsreiten noch sehr lange in Erinnerung behalten.

Das deutsche Vielseitigkeits-Team hat in Athen die Goldmedaille gewonnen. Oder doch nicht? Am Ende sind es sogar zwei geworden, doch bis es soweit war, mussten Bettina Hoy, Ingrid Klimke, Frank Ostholt, Andrea Dibowski und Hinrich Romeike ein schlimmes Durcheinander der Gefühle durchleben. Erst durften sie sich über Gold freuen, dann erfuhren sie eine riesige Enttäuschung, weil ihnen der Sieg nach einem erfolgreichen Protest der französischen Mannschaft aberkannt wurde. Das deutsche Team rutschte mit zwölf Strafpunkten sogar hinter Frankreich, Großbritannien und USA zwischenzeitlich auf Platz vier. Am Abend aber kam die Erlösung: Nach einer Berufung durch die deutsche Mannschaft erkannte die Jury das ursprüngliche Ergebnis an. Das war auch für die Einzelkonkurrenz von großer Bedeutung, denn das Ergebnis ging in den abschließenden Durchgang der Reiterinnen ein. Diese gewann Bettina Hoy ebenfalls. Am Ende eines Abends hatte sie zweimal Gold. „So was kann man sich in den wildesten Träumen nicht vorstellen“, sagte Hoy nach den chaotischen Ereignissen. „Das ist einfach unglaublich.“

Im Mittelpunkt des Durcheinanders stand aber der kleine Orangenbaum. Die Schlussreiterin Bettina Hoy war, nachdem sie die Startlinie überquert hatte, noch einmal um den Baum geritten. Sie hatte gesehen, dass die Ground Jury beim ersten Überqueren der Linie die Zeitnahme nicht ausgelöst hatte, und startete ihren Durchgang noch einmal neu. Beim zweiten Überqueren der Startlinie löste die Grand Jury die Zeit dann aus. „Entscheidend war, dass die Zeitmessung nicht anging, als Bettina über die Startlinie geritten ist. Deshalb ist sie ein zweites Mal angeritten“, sagte Jens Adolphsen, Vorsitzender des Vielseitigkeits-Ausschusses der Deutschen Reiterlichen Vereinigung.

Die Franzosen hatten die Sache anders gesehen. Sie protestierten, weil die Zeit bereits vom ersten Überqueren der Startlinie hätte gewertet werden müssen. Die Runde von Hoy um den Orangenbaum hätte zu dem Ritt gewertet werden müssen. In diesem Fall hätte Bettina Hoy auf Ringwood Cockatoo noch zwölf Strafpunkte erhalten müssen, weil sie die Richtzeit überschritten hätte. Nun, nach der Niederlage vor dem Kampfgericht, wollen die Franzosen den Internationalen Sportgerichtshof anrufen.

Als Bettina Hoy ihren Ritt beendet hatte, hatte sie sich erstmals gefreut. „Das ist der schönste Tag in meinem Leben“, sagte deutsche Reiterin, die in England lebt. Es sollte auch ihr spannendster werden. Doch irgendwann stand fest, dass sie die Nachfolge ihres Mannes antreten kann. Andrew Hoy gewann vor vier Jahren mit Australien die Goldmedaille mit der Mannschaft.

Das Ehepaar Hoy hat in Athen bereits mit ihrem Start Sportgeschichte geschrieben. Weil es das erste Ehepaar war, das bei Olympischen Spielen für zwei Nationen gegeneinander antrat. Bettina Hoy, das lässt sich jetzt getrost sagen, hat den familieninternen Wettbewerb gewonnen. Mit zwei Goldmedaillen.

Weil der Durchgang mit der Mannschaft auch für die Einzelkonkurrenz gewertet wird, bildete die Entscheidung der Jury auch die wichtige Grundlage für das abschließende Einzelspringen. Darin ritt die 41-Jährige locker durch den Parcours und schob sich noch auf Rang eins vor. Am Ende weinte sie Tränen der Freude und Erleichterung. Und im Ziel freute sich ein Australier besonders laut: Andrew Hoy. Das Gold bleibt nach einem dramatischen Tag in seiner Familie.

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