Sport : Gold, ohne zu denken

Biathletin Uschi Disl besiegt ihre Schussschwäche und wird Weltmeisterin

Helen Ruwald[Hochfilzen]

Der Herr in Lederjacke hinter dem Schießstand konnte sich nicht zurückhalten. Als Uschi Disl zum zweiten Schießen kam, brüllte er, der sich als „Journalist, Fan und Freund von Uschi Disl“, vorstellte: „Lass dir Zeit, Mädchen!“ Nachdem die 34-Jährige fehlerfrei geblieben war, rief er erleichtert: „Geht doch, Mannomann.“ Das Schießen ist seit jeher die Schwäche der deutschen Biathletin gewesen, auch in den letzten Weltcuprennen vor der Weltmeisterschaft in Hochfilzen in Tirol. In der Gesamtstatistik der vergangenen Saison listete der Weltverband IBU Disl bei den Schießergebnissen nur auf Position 64. Doch gestern, im Sprintrennen über 7,5 Kilometer, schoss sie zehnmal, traf zehnmal – und war plötzlich Weltmeisterin. „Das ist ein Traum, der mich 15 Jahre verfolgt hat“, sagte sie strahlend. Es ist Disls 15. WM-Medaille bei der 15. WM-Teilnahme, sechsmal hat sie Mannschafts- oder Staffelgold gewonnen, viermal war sie in Einzelrennen Zweite. Nie reichte es für einen Einzeltitel. Bis gestern Nachmittag.

Dabei hatte sie schon gar nicht mehr damit gerechnet, weil die nach ihr gestartete Russin Olga Saitsewa nach dem zweiten Schießen noch rund 15 Sekunden Vorsprung hatte. „Ich hatte mich schon mit Silber abgefunden“, erzählte Disl später. Doch die Russin hatte sich zu sehr verausgabt, ihr ging mit zunehmender Renndauer die Kraft aus. Der Vorsprung schmolz immer weiter, bei jeder Zwischenzeit, die der Stadionsprecher verkündete, antworteten die Fans mit begeistertem Jubel. Als Olga Saitsewa schließlich die Ziellinie überquerte, war sie 3,5 Sekunden langsamer als Uschi Disl. Die anderen Deutschen enttäuschten dagegen: Die bisherige Weltcup-Führende Kati Wilhelm wurde mit vier Schießfehlern 28., Katrin Apel belegte Rang 31, Simone Denkinger Rang 32.

Uwe Müssiggang war das erst mal egal. „Alle gönnen Uschi den Titel von Herzen, keine hat es so verdient wie sie“, sagte der Bundestrainer. Er hatte schon am Vortag eine Ahnung geahnt: „Es kann alles passieren, mit null Fehlern kann Uschi auch Weltmeisterin werden.“ Sie schaffte es tatsächlich, und das, obwohl sie sich „läuferisch gar nicht so fit fühlte wie zu Saisonbeginn“, als sie die ersten beiden Weltcuprennen gewonnen hatte. Gestern musste sie sich gegen Ende des Rennens immer wieder gut zureden. „Mir taten die Beine weh, im Ziel konnte ich kaum noch gerade stehen.“

Disl lebt in Österreich, für sie ist es quasi die zweite Heim-WM innerhalb eines Jahres. Doch 2004 in Oberhof war sie krank gewesen, hatte die meisten Wettkämpfe nur vor dem Fernseher erleben können. Bei ihrem einzigen Einsatz im Massenstart stürzte sie und wurde Neunte. Diese Saison hatte mit zwei Weltcupsiegen für Disl begonnen, und nach einigen nicht so starken Rennen fand sie Anfang Januar in Oberhof vorübergehend zu ihrer starken Form zurück, wurde einmal Erste und einmal Zweite. Danach aber kam sie nur noch auf Rang acht bis 53, weil es am Schießstand einfach nicht lief.

Vor der WM intensivierte Disl das Schießtraining und schaltete gestern am Schießstand „einfach das Gehirn aus“ – und traf. „Ich hatte ein WM-Einzelgold abgehakt, vielleicht habe ich es deshalb gewonnen“, meinte Disl. Nachdem sie mehrmals „so nah dran am Gold“ gewesen war, stieg der Druck, endlich den ganz großen Erfolg feiern zu können. Erst als sie sich davon löste, klappte es.

Es könnte der glanzvolle Abschluss einer großen Karriere gewesen sein. Noch hat die 34-Jährige, die sich Kinder wünscht, nicht entschieden, ob sie bis Olympia 2006 in Turin weitermacht. Heute startet sie im Verfolgungsrennen und zählt zu den Favoritinnen. Druck spürt Uschi Disl deshalb nicht: „Nach diesem Gold ist mir alles wurscht.“

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