Sport : Gold verloren, Silber gewonnen Ruder-Achter wird bei der WM von Kanada besiegt

Frank Bachner[Oberschleissheim]

Peter Thiede klopfte mit beiden Händen gegen die Bordwand, das war das Zeichen. Schlussspurt, bedeutete das. Sie hatten es vor dem Rennen festgelegt. Der Steuermann des Deutschland-Achters hätte natürlich auch in sein Mikrofon brüllen können, aber gegen diese Lärmkulisse am Ufer wäre er nicht angekommen, das wusste die Besatzung. 15 000 Zuschauer veranstalteten ein Höllenspektakel am letzten Finaltag der Ruder-WM in München, der Berliner Thorsten Engelmann, Rollsitz sechs im Achter, „hatte so etwas noch nie erlebt, das war total geil“. Dass Thiede das Finish befahl, spürte er an einem kurzen Schlingern. Der Steuermann hatte seine Seile für einen Moment losgelassen.

Der Lärm spielte eine bedeutende Rolle, er hatte großen Anteil daran, dass der Deutschland-Achter gestern Silber gewann. „Das Getöse hat uns auf den letzten 300 Metern Flügel verliehen“, sagte der Wiesbadener Sebastian Schulte, der auf Platz fünf sitzt. Dank des Getöses hielten die Deutschen die Engländer auf Abstand, mehr als Platz drei war für sie nicht drin. Aber an Kanada kam niemand heran, „Kanada“, sagte Schulte, „war heute das Maß aller Dinge.“ Kanada holte Gold.

Es war auch Schulte, der Platz zwei einordnet, dazu genügte ein Satz: „Wir haben Silber gewonnen, nicht Gold verloren.“ Streng genommen natürlich schon, die Deutschen gingen als Titelverteidiger ins Rennen, und „wir hätten gerne den Titel verteidigt“ (Engelmann). Aber er sagte es so leise, fast beiläufig, dass man sich leicht denken konnte, wie wenig er wirklich an diese Titelverteidigung glaubte. Eine Stunde vor dem Start erklärte ein Offizieller aus dem deutschen Verband sogar: „Das Boot holt keine Medaille.“ Es gab einfach keine Hinweise auf eine Titelverteidigung. Der Deutschland-Achter war nur mit Mühe überhaupt ins Finale eingezogen, hatte beim Weltcup in Amsterdam nur Platz vier belegt und kurz zuvor in Prag gegen einen Verlegenheits-Achter aus der tschechischen Hauptstadt verloren. Intern, von Beobachtern im Verband, ging schon das Geraune los. „Da wurde der Achter schlecht und klein geredet“, sagte Schulte fast empört. „Mann, wie wurde da in Amsterdam die Angst vor den Chinesen geschürt.“ Die Chinesen belegten dann aber nur Platz zwei hinter England. Und gestern waren sie nicht mal im Finale.

Die WM, speziell der Endlauf, wurde deshalb für die Besatzung zum Prüfstein für den Teamgeist. „Nach den ganzen Querelen hat die Mannschaft sich als Team präsentiert“, sagte Bundestrainer Dieter Grahn. Schulte erwiderte dem Trainer anerkennend: „Er hat heute eine tolle Ansprache gehalten.“ Grahn sagte später aber auch, „dass wir so nicht weitermachen können. Wir müssen an die Kanadier heran kommen“. Der Deutschland-Achter will Olympiasieger werden, das ist die Botschaft.

Sollen sie doch kommen, die Kanadier. „Für die Revanche“, sagt Engelmann, „haben wir 365 Tage Vorbereitungszeit.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben