Sport : Gold wird schwerer

Die Konkurrenz in der Leichtathletik wächst – das macht das Siegen immer komplizierter

Jörg Wenig

9. LEICHTATHLETIK-WELTMEISTERSCHAFTEN IN PARIS

Berlin. Hicham El Guerrouj hat sich eine Menge vorgenommen. Der Start über 1500 m ist dem ehrgeizigen Marokkaner nicht genug, deshalb möchte er danach auch noch die 5000 m laufen. Und El Guerrouj wird durchaus zugetraut, auf beiden Strecken zu gewinnen. Ein derartiger Doppelsieg ist bei interkontinentalen Meisterschaften bisher einmalig: Nur der legendäre Finne Paavo Nurmi schaffte das bei den Olympischen Spielen 1924. Bei Weltmeisterschaften gab es bisher keinen Athleten, der in beiden Disziplinen eine Medaille gewann.

Nicht nur wegen Hicham El Guerroujs „Doppel“: Paris erlebt möglicherweise die spannendsten Leichtathletik-Weltmeisterschaften in der Geschichte dieser Titelkämpfe, die 1983 in Helsinki begann. Kaum zuvor gab es bei einer WM so wenige eindeutige Favoriten. 46 Disziplinen stehen im Stade de France, wo die neunte WM morgen eröffnet wird, auf dem Programm. Viele Entscheidungen sind völlig offen, zum Beispiel die beiden Sprints über 100 m, die 800 m der Männer, der Weitsprung der Frauen, der Stabhochsprung der Männer oder das Speerwerfen der Frauen. Insgesamt 203 Nationen sind mit Athleten bei dieser WM in Paris vertreten - nicht einmal die Olympischen Spiele erreichten diese Zahl. In der Bedeutung werden die Titelkämpfe mit rund 1900 Athleten nur von Olympia und der Fußball-Weltmeisterschaft übertroffen.

Geschichte schreiben möchte in Paris auch ein Deutscher: Lars Riedel. Der Diskuswerfer aus Chemnitz hat seit Tokio 1991 fünf Goldmedaillen in seiner Disziplin geholt, er startet als Titelverteidiger. Nur ein Athlet hat mehr WM-Siege in nur einer Disziplin: Sergej Bubka. Der Stabhochspringer aus der Ukraine schaffte diese sechs Erfolge sogar in Serie, und das, obwohl die ersten drei Titelkämpfe im Vier- statt im Zwei-Jahres-Rhythmus veranstaltet wurden. Dass es Lars Riedel schafft, zu Bubka aufzuschließen, ist indes unwahrscheinlich. Zu souverän präsentierte sich zuletzt der Ungar Robert Fazekas. Doch selbst wenn Riedel zum zweiten Mal nach 1999 bei einer WM Bronze gewinnt, wäre das ein Erfolg. Sieben WM-Medaillen hat kein Athlet bisher in nur einer Disziplin gewonnen. Die meisten Medaillen überhaupt bei einer WM hat Sprinterin Merlene Ottey geholt. Die Jamaikanerin stand zwischen 1983 und 1997 bei sechs Weltmeisterschaften 14 Mal auf dem Podest.

Dass es noch häufiger zu derart langen Erfolgsserien eines einzelnen Athleten kommt, glaubt Helmut Digel nicht. Der Vizepräsident des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF) sagt: „Dazu sind die Wettkampfserien über das Jahr hinweg einfach zu lang." Damit erklären sich teilweise auch die Verletzungsprobleme, unter denen die deutsche Leichtathletik in dieser Saison besonders zu leiden hat. Dennoch wahrt Digel Optimismus. „Ich glaube, wir können vier bis sechs Medaillen gewinnen - und vielleicht ist auch ein Überraschungssieger dabei", sagt der Ehrenpräsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV).

Die WM bezeichnet Digel als „so offen wie keine andere". Immer mehr Athleten aus kleineren Nationen und Dritte-Welt-Staaten drängen in die Spitze – eine Folge der wachsenden Internationalität der Leichtathletik, die von der IAAF gefördert wird. „Es wird künftig viel schwieriger, eine Goldmedaille oder überhaupt eine Medaille zu gewinnen", sagt Digel. Deswegen will er die deutschen Leistungen in Relation rücken, falls es am Ende mangels Medaillen Kritik gibt. „Wir werden dann natürlich verglichen mit anderen Sportarten wie Schwimmen. Aber man muss dabei die globale Bedeutung der Leichtathletik erkennen. Es ist die Weltsportart wie keine andere." Digel empfiehlt: „Die deutschen Leichtathletik-Zuschauer sollten sich auf hochklassige Wettkämpfe freuen. Wenn dann ein Ingo Schultz ins 400-m-Finale läuft, wäre das allein schon Weltklasse.“

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