Sport : Gold zu jeder Jahreszeit

Eddie Eagan siegte bei Sommer- und Winterspielen

Erik Eggers

Frank Meriwell war sein Jugendheld. Die Hauptfigur eines populären US-Groschenromans, ein Genre, das die Amerikaner abschätzig „dime novel“ nennen. Dieser Frank predigte Askese, rauchte nicht, verachtete Alkohol und war ein großer Sportler. Edward Eagan, genannt Eddie, verschlang als Zwölfjähriger die billigen Hefte. Dass sein Leben so werden würde wie in diesem klischeehaften Plot, davon wagte er nicht zu träumen.

Zwei Jahrzehnte später ging Eddie Eagan in die olympische Geschichte ein. Nachdem er bereits bei den Sommerspielen 1920 Olympiasieger geworden war, gewann er 1932 auch eine Goldmedaille bei Olympischen Winterspielen. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg hatte Eagan in Antwerpen das Halbschwergewicht im Boxen gewonnen, und in Lake Placid hatte er den erfolgreichen Vierer-Bob der USA mit angeschoben. Eine bis heute einmalige Leistung. Stoff genug für ein modernes Märchen des Sports. Für einen olympischen Groschenroman.

Eagans bewegte Biografie ist die eines amerikanischen Selfmademans. Das Boxen hatte er auf einer Farm kennengelernt, und feierte schnell Erfolge. Er durfte zu Beginn seiner Karriere sogar gegen den jungen Jack Dempsey antreten, der bereits als kommender Weltmeister promoted wurde. Genauso ehrgeizig feilte er jedoch an einer akademischen Laufbahn: Er begann, Jura zu studieren. Der Erste Weltkrieg unterbrach jäh das Studium. 1920 kämpfte sich Eagan in Antwerpen zum Olympiasieg. Aber auch danach erlag er nicht den Verlockungen des Profiboxens, sondern konzentrierte sich auf das Examen.

Nachdem Eagan bei den Olympischen Spielen 1924 in Paris – inzwischen ins Schwergewicht aufgestiegen – in der Vorrunde gescheitert war, reiste er zwei Jahre lang boxend um die Welt: Kairo, Kenia, Bombay, Hongkong, Sydney oder Buenos Aires. Zurück in der Heimat heiratete er Margaret Colgate, die Erbin des Konzerns Colgate-Palmolive, und verabschiedete sich vom Boxsport.

Aber nicht vom Sport generell. Eagan gehörte bald zum US-amerikanischen Viererbob, der am 15. Februar 1932 die Goldmedaille holte. Da sich sein Team einen (damals noch erlaubten) Vorteil verschaffte, indem es die Kufen mit einer Lötflamme erwärmte, liegt ein kleiner Makel über seinem Erfolg. Eddie Eagan hingegen, die Verkörperung des Amateurs, verewigte sich mit dieser Goldmedaille in den olympischen Annalen. Und hatte damit Frank Meriwell, den literarischen Helden seiner Jugend, sogar noch ein bisschen übertroffen. Er starb am 14. Juni 1967.

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