Sport : Gold zum guten Schluss

Sandra Völker ist traurig über Platz zwei im Rückensprint – und schwimmt mit der Lagenstaffel zum EM-Sieg

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Von Frank Bachner

und Claus Vetter

Berlin. Sandra Völker starrte in die Fernsehkamera und sagte bloß: „Gigantisch.“ Sie musste auch nicht mehr sagen. Dieses Wort drückte alles aus. Die grenzenlose Freude, die fantastische Stimmung in der Halle, die Weltklasse-Endzeit: Sandra Völker aus Hamburg, mit 60 internationalen Medaillen erfolgreichste deutsche Schwimmerin, hatte gerade die 4 x 100-m-Lagenstaffel der deutschen Mannschaft bei der Schwimm-Europameisterschaft als Schlussschwimmerin zu Gold und zum neuen Europarekord geführt (4:01,54 Minuten). Aber geführt ist eigentlich das falsche Wort, es ist zu nüchtern für diese Leistung. Sandra Völker und die anderen Staffelmitglieder wurden zu diesem Europarekord förmlich getrieben durch ein Publikum, das ein Höllenspektakel veranstaltete. Und eigentlich hat Völker, obwohl sie exzellente 54,03 Sekunden schwamm, nur vollendet, was vor allem Franziska van Almsick vorbereitet hatte. Die 24-Jährige, die am Samstag ihren Weltrekord über 200 m Freistil auf 1:56,64 Minuten verbessert hatte, zeigte über 100 m Schmetterling eine Vorstellung, die eher an einen Triumphzug als an ein normales Rennen erinnerte. Sie lag mit 57,48 Sekunden (allerdings bei fliegendem Start) über eine Sekunde unter dem deutschen Rekord von Kristin Otto. Die zweimalige Weltmeisterin gewann ihr fünftes Gold und lieferte eine solche Abschiedsvorstellung bei dieser EM, dass Sandra Völker nur noch sagen konnte: „Es war Wahnsinn, dass Franziska den Vorsprung auch noch ausbauen konnte.“ Nach Rückenschwimmerin Antje Buschschulte (Wuppertal), die als Zweite anschlug, hatte Simone Weiler (Heidelberg) der deutschen Mannschaft einen Vorsprung herausgeschwommen.

Nach dem Rennen lagen sie sich in den Armen, die deutschen Schwimmerinnen, aber besonders innig drückten sich Völker und van Almsick, die früheren Rivalinnen. Es war eine symbolische Geste: Der Teamgeist in dieser Mannschaft ist ausgeprägt. Zu dem Staffelsieg kam gestern auch noch Gold hinzu durch zwei Turmspringerinnen. Annett Gamm und Ditte Kotzian siegten im Synchronspringen vom 10-m-Turm.

Vielleicht war es das letzte Rennen, das Franziska van Amsick je geschwommen ist. Über ihren Rücktritt nach dieser EM wird viel spekuliert. Die Wahrscheinlichkeit ist aber nicht allzu groß, weil sie jetzt wieder durch ihre Leistungen hoch motiviert ist. Bei bei ihr weiß man nie. Und deshalb wollten alle Journalisten von ihr gestern noch Statements. Aber sie kam nicht mehr. Sie war bei der Dopingkontrolle.

Nach dem Staffel-Rennen hatte Sandra Völker auch kurzzeitig verdrängt, dass sie 20 Minuten zuvor eine Enttäuschung erlebt hatte. Ausgerechnet auf ihrer Spezialstrecke, den 50 m Rücken, wo sie den Weltrekord hält, verpasste sie die Goldmedaille. Hinter der Spanierin Nina Zhivanevskaia erreichte sie Platz zwei in 28,61 Sekunden. Minuten nach dem Sieg der Frauen-Staffel beherrschte wieder ein Riesenlärm die Halle an der Landsberger Allee. Die deutsche 4 x 100-m-Lagenstaffel mit Stev Theloke, Jens Kruppa, Thomas Rupprath und Stefan Herbst hatte durch einen furiosen Endspurt von Herbst noch Bronze gewonnen.

Annika Mehlhorn musste kein starkes Finish liefern, um ihre Bronzemedaille über 200 m Schmetterling in 2:09,37 Minuten zu sichern. Die 19-Jährige hatte einen beruhigenden Vorsprung auf die viertplatzierte Mirela Garcia aus Spanien. An einen Sieg war freilich gestern für Mehlhorn nicht zu denken. Otyilia Jedrejczak gewann Gold mit neuem Weltrekord (2:05,78 Minuten). Hannah Stockbauer dagegen blieb hinter ihren eigenen Erwartungen zurück. Die Doppel-Weltmeisterin von 2001 über 800 m und 1500 m wollte über 400 m zumindest eine Zeit von 4:09 Minuten schwimmen, mehr war nicht drin, weil sie sich aufs Abitur vorbereiten musste und deshalb Trainingsrückstand hatte. Aber dass sie als Siebte in 4:11,62 Minuten anschlagen würde, das hätte sie denn doch nicht erwartet. „Ich bin enttäuscht“, sagte sie, „weniger über die Platzierung als vielmehr über die Zeit.“ Jana Henke, 800-m-Freistil-Europameisterin aus Potdsam, wurde immerhin Fünfte in 4:10,21 Minuten. Sie wiederholte ihre Taktik vom 800-m-Rennen, wollte schnell angehen und dann die Führung verteidigen. Aber dafür war allein schon die spätere Siegerin Jana Klochkova zu schnell. Die Ukrainerin gewann in 4:07,10 Minuten vor Eva Risztov (Ungarn/4:07,24).

Am letzten EM-Tag feierten auch die deutschen Kunstspringer noch mal eine Goldmedaille. Annett Gamm (Dresden) und Ditte Kotzian (Berlin) siegten im Synchronspringen von Turm mit 309,78 Punkten vor den Ukrainerinnen Olga Leonova/Olena Zhupina (284,97). Ditte Kotzian war schon mit Conny Schmalfuß vom 3-m-Brett im Synchronspringen Europameisterin geworden ist.

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