Sport : Goldige Zeiten

Dreifacher Erfolg: Timo Boll gewinnt auch im Tischtennis-Einzel den EM-Titel

Jörg Petrasch[Belgrad]

Nach dem verwandelten Matchball sinkt Timo Boll in die Knie und strahlt. Der 26 Jahre alte Deutsche hat bei den Tischtennis-Europameisterschaften in Belgrad Großes geleistet. Mit einem locker herausgespielten 4:1-Finalsieg gegen den Weißrussen Wladimir Samsonow holte sich Boll in Belgrad sein zweites Einzel-Gold nach 2002. Kurz vorher hatte der Deutsche zudem mit Christian Süß seinen zweiten Doppel-Titel gewonnen. Zusammen mit Platz eins im Team bedeutet dies dreimal Gold für Boll, eine Ausbeute, die zuletzt dem schwedischen Weltmeister und Olympiasieger Jan-Ove Waldner vor elf Jahren gelungen ist. „Es ist schön, dass ich jetzt auf einer ähnlichen Stufe stehe wie Waldner, wenn auch natürlich noch nicht auf der gleichen“, sagte Boll bescheiden.

Das mit viel Spannung erwartete Finale zwischen den beiden besten europäischen Spielern verlief zu Beginn sehr einseitig. Schnell führte Boll mit 3:0 Sätzen. Der 26-Jährige spielte seine überlegene Athletik gegenüber dem 1,90 Meter großen Weißrussen aus. „Ob ich spielerisch besser bin, bezweifele ich, aber ich bin körperlich stärker und konnte dadurch viel mehr Druck ausüben“, sagte der Deutsche. Der dreimalige Einzel-Europameister Samsonow, dem ungewöhnlich viele leichte Fehler unterliefen, haderte sehr oft mit sich. Zwischen den Ballwechseln lief er mit hängendem Kopf und eingezogenen Schultern durch die Spielbox.

Doch den Weißrussen darf man nie unterschätzen. Der 30-Jährige wurde noch einmal stärker, seine Topspins aggressiver, Boll dagegen unsicherer. Nach einer 5:0-Führung im vierten Satz verlor der Deutsche sein Konzept und verlor mit 8:11. Im Februar unterlag Boll gegen Samsonow nach einer ähnlich hohen Führung – im Halbfinale der Champions-League. „Diese Niederlage ist mir natürlich durch den Kopf gegangen“, sagte der Deutsche, „damals hatte ich ihn auch total im Griff.“ Aber Boll hat aus der Niederlage gelernt, und gerade diese Lernfähigkeit zeichnet ihn aus. „Ich hoffe, ich habe dieses Trauma jetzt überwunden.“

In Europa hat der 26 Jahre alte Linkshänder nun alles gewonnen. Sein Blick richtet sich deshalb auf die WM in Zagreb Ende Mai. Hier fehlt ihm noch eine Einzel-Medaille. Auch in dieser Beziehung hat er sich weiterentwickelt. „Früher hätte ich mich nach dem Erfolg auf die faule Haut gelegt“, sagte Boll. Jetzt beginnt nach fünf Tage Ausspannen die Vorbereitung auf die Weltmeisterschaften.

In Zagreb wird Boll im Doppel erneut mit Christian Süß antreten. In Belgrad gewannen sie ihren ersten EM-Titel. Das ganze Turnier durch spielten beide auf einem guten Niveau, das dann auch im Finale gegen den Polen Lucjan Blaszczyk und Tan Ruiwu aus Kroatien zu einem sicheren 4:1-Erfolg reichte. „Ich bin sehr stolz auf Timo und mich“, sagte der 21 Jahre alte Christian Süß. Gerade Süß hatte vor den Europameisterschaften mit einigen Schwierigkeiten zu kämpfen. Aber auch der Spieler des Bundesligisten Borussia Düsseldorf konnte aus seinen Fehlern lernen. Er kämpfte sich zuerst im Team, dann an der Seite von Boll zu seiner Form zurück.

Vollendet wurde das für die deutsche Mannschaft historische Ergebnis mit dem dritten Platz des 18 Jahre alten Dimitri Owtscharow. „Für mich ist das alles unglaublich“, sagte der EM-Debütant. Auch dem Männer-Bundestrainer mochte das Grinsen gar nicht mehr aus seinem Gesicht weichen. „Wir haben die Welle vom Team-Gold optimal ausgenutzt“, sagte Richard Prause. Hoffentlich reicht die Welle auch noch bis zur WM in Zagreb. Timo Böll jedenfalls könnte ein Problem haben: „Ich habe mir mit dreimal Gold wohl ein bisschen Druck gemacht.“

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