Goleo schreibt im Tagesspiegel : "Trix und Flix sind mir zu durchgestylt"

Ein Löwe? Ohne Hose? Gott, wie peinlich! Bei der WM 2006 verstand Deutschland überhaupt keinen Spaß, wenn es ums Maskottchen ging. Jetzt redet Martin Paas, der Mann, der in Goleo steckte. Sein Credo: Tröste nie Verlierer! Sei tollpatschig! Und bloß nicht so wie die neuen Figuren.

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Goleo
Mit Pille und Pokal. Goleo war das umstrittene Maskottchen der WM 2006 - aber ziemlich beliebt bei den Kindern.Foto: dpa

Ich kann Leute leicht verwirren. Ich benötige nur diese drei Worte:

Ich. War. Goleo.

Neulich erst wieder im Tonstudio. Ich lieh der Schokoladenfigur „Yellow“ im Spot von „M&M’s“ meine Stimme und plauderte am Set mit einem Kollegen über die WM 2006. Wir sprachen über Panini- Bildchen und ich fragte: „War da eigentlich auch Goleo drin? “ Er, voller Häme: „Ja – im Knast! Aber wieso fragst du?“ Ich: „Na, ich war Goleo“. Da hat er genauso irritiert geguckt wie im Frühjahr 2004 die gute Miss Peng.

Miss Peng (den Namen habe ich mir gemerkt, weil sie von der US-Einwanderungsbehörde war und, kein Witz!, einen riesigen Revolver am Gürtel trug) war die erste Person, die in das große Geheimnis der Fifa eingeweiht wurde. In das Geheimnis um Goleo.
Ich war nach Los Angeles geflogen, nach Hollywood, in die Filmstudios der „Jim Henson Company“. In den USA wollen sie ja immer am Flughafen wissen, ob man in ihrem Land arbeiten wolle oder Tourist sei. „Nein, kein Tourist“, sagte ich zu Miss Peng. „Ich saß gerade elf Stunden im Flugzeug, um in Ihrem Land in ein Plüschkostüm zu schlüpfen.“ Glücklicherweise hat da Miss Peng gelächelt und den Revolver stecken lassen.

Ich arbeite schon lange als Puppenspieler, das ist ja kein Studijob, sondern ein Beruf. Ich war früher Kanzler Schröder bei „Hurra Deutschland“, heute bin ich Schaf Wolle in der Sesamstraße oder auch Ernie, der Kumpel von Bert.

Aber im Sommer 2006 war alles anders, so viel ernster. Ich habe mein Land nicht mehr verstanden. Tag und Nacht wurde gepredigt, dass wir der Welt zeigen sollten, wie locker und freundlich wir sind. Ging es aber um Goleo, wurde auf Knopfdruck losgemeckert: Ein Löwe! Ohne Hose! Was hat das bitte schön mit Deutschland zu tun?!

Also erstens: Goleo war ein Maskottchen für alle Nationen und keines des DFB. Zweitens: Niemand sollte Plüschtiere, die 2,30 Meter groß sind und durch ein Fußballstadion trampeln, allzu ernst nehmen. Und drittens: Mein Gott, wollten die Leute lieber einen Schäferhund oder eine Bratwurst in den WM-Stadien herumlaufen sehen?

Maskottchen haben keine politische Aussage. Sie stellen in den Stadien eine Figur dar, die verbindet, die für jede Nation da ist, die ein bisschen Spaß macht. Maskottchen sind vor allem etwas für Kinder. Ich finde doch auch „Tip und Tap“ super, das waren die Maskottchen der WM ’74. Aber damals war ich eben sieben Jahre alt. Genauso finden jene Fans „Bernie“ klasse – das war dieser Hase mit dem Schweißband zur EM ’88 –, die in den 80ern Kinder waren. Und genauso finden Jungs und Mädchen heute Goleo spitze, meine Patenkinder zumindest ganz sicher.

Man muss nur einmal die Physiognomie anschauen. Goleo hatte einen tollpatschigen Gang, er stolperte ständig, darüber lacht man gern. Elegante Maskottchen will niemand sehen. Tiere kommen auch immer gut an, so eine alte Regel – es muss ja nicht gleich ein Kartoffelkäfer sein wie bei Alemannia Aachen.

Maskottchen gehören zu einem Turnier dazu, finde ich. Es gibt dem oft verbissenen Sport eine gewisse Leichtigkeit, ein verspieltes Element. 1966 fing es an, aber „World Cup Willie“, wie der Löwe damals genannt wurde, hatte auch leichtes Spiel. Die WM war ja nur in schwarz-weiß zu sehen, da war jede lustige Ablenkung willkommen. „Striker“, den Hund bei der WM 1994 in den USA fand ich auch gelungen. Einfache Ideen kommen bei den Fans besser an. Deshalb mussten „Ato“, „Kaz“ und „Nik“ scheitern. Das waren diese computergesteuerten Wesen der WM 2002, die heute kaum einer mehr kennt.

Auf zu viel Marketinggetöse reagieren Fußballfans allergisch. Aber das weiß die Fifa: Ich war ganz froh, dass wir – also „Pille“, der Fußball, und ich – nicht massiv Werbung machen mussten für die WM-Sponsoren, sondern einfach nur für das Turnier.

Überhaupt war die Linie der Fifa nicht schlecht. Ich weiß ja nicht, ob es jemandem während der WM aufgefallen ist: Aber Goleo hat sich immer zehn Minuten vor dem Anpfiff in die Kabine verzogen. Im Mittelpunkt hat ausschließlich der Sport zu stehen, das war das Credo der Fifa und das fand ich logisch. Obwohl: Bei der Bullenhitze wie damals in einem 35 Kilo schweren Kostüm herumzuturnen, ist ja wohl auch Sport.

Eine andere unausgesprochene Regel lautet: Jubele nie mit den Gewinnern, tröste nie Verlierer! Dieser Moment gehört den Sportlern. In der Liga aber drängen sich viele Maskottchen in den Vordergrund. Dieser Herthinho zum Beispiel. Warum heißt der eigentlich so? Weil Hertha so viel Glück mit Brasilianern hatte? Kleiner Scherz. Da wäre ja Erich „Ete“ Beer, Herthas früher Stürmerstar, als Bärenname origineller gewesen.

So ähnlich hat das Mönchengladbach gemacht: Ihr Maskottchen ist ein Fohlen und heißt „Jünter“. Das hat Charme und macht Sinn, finde ich. Warum hingegen der KSC ein Schwein namens Willy Wildpark und nicht Winni Wildpark durchs Stadion schickt, muss mir noch erklärt werden.

Und wie heißen doch gleich die beiden Maskottchen der EM? Trix und Flix, warum auch immer. Ihre Haare: spitz wie Berge. Aha. Alpen, oder was? Überhaupt finde ich die beiden ein bisschen sehr durchgestylt. „20“ steht auf dem einen Trikot, „08“ auf dem anderen. Die armen Kollegen können wegen ihrer Rückennummern immer nur zu zweit auftreten und dürfen nie, nie, nie die Plätze tauschen. Außerdem sehen sie mit ihrer Mütze, die sie sich tief ins Gesicht ziehen, aus wie kleine Gangster und … oha, jetzt meckere ich auch, so wie die anderen über Goleo. Das ist wohl Maskottchenschicksal. Ich bin ja schon ruhig.

Eine Sache war an Goleo vielleicht doch nicht so witzig: Der Name. Den hat man zwar weltweit verstanden, aber ein Löwe mit einem urdeutschen Namen wie „Rüdiger“ – das hätte Humor gehabt.

Aufgezeichnet von André Görke.

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