Sport : Goleo tröstet Eriksson

Franz Beckenbauer auf WM-Werbetour in England

Matthew Beard[London]

Franz Beckenbauer, sein treuer Helfer Wolfgang Niersbach und ihre Entourage reisen um die Welt und geben eine Party nach der anderen. Sie wollen Werbung machen für die Fußball-WM in Deutschland. Die Stopps haben inzwischen eine gewisse Routine: Beckenbauer landet im Learjet, und das WM-Organisationskomitee bewirtet die Gäste in einem fürstlichen Saal mit Champagner und opulentem Essen.

Offiziell geht es dabei darum, die Beziehungen zu den 31 Teilnehmerländern zu pflegen. Aber Zyniker, und davon gab es bei der 21. Station in London eine Menge, sehen darin kaum mehr als eine Werbetour für Beckenbauers Vorhaben, Präsident des europäischen Fußballverbandes Uefa zu werden. Das schien den englischen Premierminister Tony Blair nicht zu stören, als er den Trupp um Beckenbauer in der Downing Street empfing. Blair spricht vermutlich lieber über die Aussichten der englischen Nationalmannschaft als über die Lage, in der sich sein abstiegsbedrohter und trainerloser Lieblingsverein Newcastle befindet.

Schnell kamen die beiden auf Beckenbauers erste WM 1966 zu sprechen und die noch immer offene Frage, ob der Ball bei Englands drittem Tor im 4:2 gewonnenen Finale gegen Deutschland von Geoff Hurst über der Linie war oder nicht. „Ich habe ihm gesagt, dass ich es nicht genau sehen konnte, weil ich Bobby Charlton decken sollte, und der lief während des ganzen Spiels wie ein Pferd“, erzählte Beckenbauer. Danach war ein Champagnerempfang mit Abendessen im Finanzbezirk angesetzt. Die Football Association (FA) ließ sich nicht lumpen und trat mit ihrer gesamten Führung an. Auch Sven Göran Eriksson war da. Der scheidende Nationaltrainer sah nicht glücklich aus, als das Blitzlichtgewitter losging und er einen großen Stofflöwen in den Arm gelegt bekam. Eriksson hätte sich kaum wundern dürfen, wenn Goleo ihn gebissen hätte, so schlecht wie es gerade für ihn läuft. Aber sogar dem WM-Maskottchen war offenbar eingeschärft worden, dass an diesem Abend Jovialität gefragt war. Beckenbauer war deshalb diplomatisch, als er auf den Sieg bei der Bewerbung zu sprechen kam, immerhin hatten die Engländer – wie jeder im Saal wusste – entgegen allem Fairplay gegen die Deutschen gestimmt. Beckenbauer sprach lieber über die deutsche Wiedervereinigung: „Bei der WM 1974 war Deutschland eine geteilte Nation. Nun wollen wir der Welt ein neues Deutschland präsentieren.“

Gewöhnlich beantwortet Beckenbauer während seiner Tour keine Fragen, in London machte er eine Ausnahme. Bevor sein Learjet nach New York abflog, wurde er nach Vorschlägen für einen neuen englischen Nationaltrainer gefragt. Es war eine willkommene Ablenkung von den organisatorischen Problemen beim Ticketverkauf und der Sicherheit der WM-Stadien zu Hause. Abseits vom Gewühl fragte ein deutscher Gast einen Vertreter von der FA, was er zur „Stiftung Warentest“ meine. Nach einer kurzen Pause antwortete der: „Spielt der nicht für Schweden?“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben