Sport : Golf: Der Ausrutscher des Tigers

Stefan Liwocha

Alle Welt hatte bei den US Open der Profigolfer ein weiteres Tiger-Woods-Festival erwartet. Doch in den amerikanischen Medien stand auf einmal eine wild gewordene Gans im Mittelpunkt. "Wild Goosen Chase Instead of Tiger Hunt", titelte etwa die "Los Angeles Times" in Anspielung auf den stark aufspielenden südafrikanischen Golfer Retief Goosen. Was soviel heißt wie "wilde Gänseverfolgung statt Tigerjagd". Und damit ist eigentlich alles gesagt. Nach vier Major-Triumphen in Folge fand Woods auf der anspruchsvollen Anlage in Tulsa im Bundesstaat Oklahoma erst am Schluss zu seinem Rhythmus. Da war es zu spät und Woods verließ ausnahmsweise nicht mit einer Trophäe, sondern mit einem hängenden Kopf seinen Arbeitsplatz. "Ich war lange nach einem Major schon nicht mehr so enttäuscht", meinte der Seriensieger, der mit 283 Schlägen nur Platz zwölf belegte. Auch andere Topspieler wie Phil Mickelson, David Duval, Sergio Garcia oder Bernhard Langer mit Platz 40 hatten ihre Probleme.

Nun waren alle Augen auf Goosen gerichtet. Er stand kurz davor, die US Open zu gewinnen. Genau genommen lagen zwischen dem Südafrikaner und der silbernen Trophäe knappe vier Meter. Zwei Putts standen Goosen dafür zur Verfügung, was ungefähr beim Fußball einer Vorlage zum Torschuss ohne Torwart gleichkommt. Als der Führende am 18. Loch Maß nahm, war Tiger Woods schon auf dem Heimweg und die beiden ärgsten Verfolger scheinbar geschlagen. Mark Brooks räumte im Klubhaus seinen Spind aus und Stewart Cink wartete auf dem Grün, um Goosen zu gratulieren. Doch der Südafrikaner zeigte Nerven und schob den Birdie-Putt am Loch vorbei. Aber er hatte ja noch eine zweite Chance, diesmal aus einem halben Meter Distanz. Was niemand mehr für möglich hielt: Der Par-Putt rollte knapp rechts am Ziel vorbei. Goosen war der Pokal noch aus den Händen geglitten. Immerhin schaffte er dann noch den Sprung ins Play-off gegen Brooks.

Das Drama um Goosen, dessen doppelter Aussetzer schmerzhafte Erinnerungen an Beinahe-Sieger bei den US Open wie Jean Van de Velde, Greg Norman und Scott Hoch weckten, wurde auf dem Kurs im Southern Hills Countryclub allerdings noch um weitere bizarre Zutaten angereichert. Denn Stewart Cink, der mit Goosen fast immer gleichauf gelegen hatte, verfehlte am letzten Loch nicht nur einen Putt aus fünf Metern, sondern danach einen sogar aus 40 Zentimetern. Er konnte zu diesem Zeitpunkt nicht wissen, dass ihn das um mehr als nur ein besseres Preisgeld brachte: der Play-off-Teilnahme über weitere 18 Löcher.

"Ich hatte meine ganzen Gefühle und meine ganze Energie in den ersten Putt gelegt", meinte Cink, "es fiel mir danach schwer mich zu konzentrieren. Schließlich dachte ich, dass der zweite Putt nicht mehr viel bedeutet." So können sich selbst Profis täuschen. Zwar war Mark Brooks damit der lachende Dritte, doch so richtig konnte sich der Amerikaner über das Missgeschick von Retief Goosen nicht freuen. "Golf ist manchmal ein grausames Spiel", meinte Brooks, der 30 Minuten zuvor selbst einen Bogey mit drei Putts am 18. Loch abgeliefert hatte, "Goosen hat mein Mitgefühl." Da Brooks wie Goosen nach den vier Runden auf 276 Schläge kam, erlebten die US Open am Montagabend ihr erstes Play-off-Spektakel seit 1994.

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