Sport : Golf Mannschafts-WM: Tobias Dier, der Publikumsliebling von 1998

Hella Praun

Eigentlich hat Tobias Dier seine Zukunft seit jeher in der Wissenschaft gesehen - schon allein, weil sich im Zeitalter des Schafes "Dolly" einem eifrigen Biologie-Studenten weitreichende Perspektiven eröffnen. Doch dann kamen Anfang August 1998 jene vier Tage im Sporting Club Berlin Bad Saarow, in denen er zum ungekrönten Helden der German Open avancierte - und seine Lebensplanung über den Haufen geworfen wurde. Denn damals gehörten ihm nach 17 Birdies, denen nur 15 Bogeys und ein Double-Bogey gegenüberstanden, zum Ende der 64. Internationalen Golf-Meisterschaften von Deutschland die Schlagzeilen.

Hatte er damals am ersten Tag eine 72 gespielt, gelang ihm auf der zweiten Runde fast alles. Dier benötigte 69 Schläge und lag damit als bester Deutscher auf dem achten Rang. Klar, dass der Rummel groß war um den zu diesem Zeitpunkt 21-jährigen Amateur. Als Erfolg wollte er diese Platzierung nach dem Cut noch nicht gelten lassen. "Ein Erfolg ist es erst, wenn ich am Sonntag mit einem guten Ergebnis auf dem Score Board stehe." Zwar brach er bei seiner dritten Runde ein, aber im letzten Durchgang steigerte sich Dier dann wieder. Am Ende kam er auf einen viel beachteten 24. Platz. Sieger wurde damals Douglas Allan. Dier zeigte sich über seine Leistung nicht überrascht, "da ich in letzter Zeit sehr gut gespielt habe".

Danach war in der Lebensplanung des Tobias Dier nichts mehr so wie vorher: Zwar würde sich sein Traum-Flight auch weiterhin aus Albert Einstein (dessen Theorien er verschlingt), Daniel Cohens (dessen Bücher er sammelt) und Sir Stephen Hawking (den er verehrt) zusammensetzen. Aber der deutschen Wissenschaft ging trotzdem eine Nachwuchshoffnung verloren. Denn nur zwei Wochen später verkündete er überraschend seinen Wechsel ins Profi-Lager. Er erfüllte sich den Traum, den wohl auch die meisten Spieler aus aller Welt haben werden, die jetzt bei der Amateur-Weltmeisterschaft in Bad Saarow antreten.

Schließlich, so Tobias Dier damals selbstbewusst, könne nicht nur ein Gen-Techniker, der gerne Golfprofi, sondern auch ein Golfprofi, der eigentlich Gen-Techniker werden wollte, seinen Beitrag für die Belebung des deutschen Golf-Nachwuchses leisten. Sein Selbstbewusstsein hat seither einige Dämpfer bekommen. Denn wie schon andere Nationalspieler vor ihm musste auch Dier erfahren, dass die Golf-Götter selbst von Erfolgen verwöhnten Amateuren ein langes Tal der Entbehrungen vor die ersten Preisgeld-Schecks gesetzt haben.

Dabei hatte Tobias Dier noch Glück. Als Mitglied des Teams der deutschen PGA (Professional Golfer Association) erfährt er umfassende pädagogische und psychologische Betreuung. Trotzdem scheiterte der mittlerweile 23-Jährige bislang drei Mal (1997, 1998 und 1999) an der Qualifikation für die "Qualifying School". Womit er bis heute auf Wild Cards angewiesen ist, um sich wenigstens gelegentlich mit all jenen messen zu können, zu denen er doch eigentlich fest gehören wollte. Und zu denen er bei seinem spektakulären Auftritt in Bad Saarow schon einmal zählte.

Vor diesem unbefriedigenden Hintergrund war der Hoffnungsschimmer, der sich vergangenen Winter auftat, wohl nur ein schwacher Trost. Immerhin konnte Dier für einige Wochen Turniererfahrungen - und vereinzelte Preisgelder - sammeln, nachdem er die "Qualifying School" und somit die Spielberechtigung für die australische Tour gewonnen hatte.

Angesichts der Erfahrungen seines einstigen Zugpferdes hat der Deutsche Golf Verband reagiert. Noch in diesem Jahr soll ein Team ins Leben gerufen werden, um den ehedem erfolgreichen Amateuren künftig den Wechsel ins Profilager zu erleichtern. "Bislang fallen die Amateure in ein tiefes Loch, wenn sie plötzlich als Profi alleine dastehen", weiß Erwin Langer, Bruder und Manager von Bernhard Langer, zu berichten. Dies soll sich ändern. Denn fortan werden die Neu-Profis weiterhin mit den Nationaltrainern üben, gemeinsam verreisen und im Ernstfall auf die Rückendeckung des Verbandes bauen. Schließlich möchte niemand langfristig seine Brötchen am anderen Ende der Welt verdienen müssen.

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