Golf : Severiano Ballesteros - ein genialer Sturkopf

Der spanische Golfsport verliert mit dem Rücktritt von Severiano Ballesteros seinen Wegbereiter.

Petra Himmel[Carnoustie],Julia Macher[Barcelona]

Sieben Worte, schnell hingekritzelt, standen auf dem Zettelchen, das an seinem Spind im Umkleideraum hing: „Sei ruhig. Sei stark. Glaube an Dich.“ Severiano Ballesteros, Gewinner von fünf Major-Turnieren, hatte sie seinem 28-jährigen Kollegen José Maria Olazábal vor der Finalrunde des US Masters 1994 aufgeschrieben. Er wusste: Am Finaltag eines Majors trennt sich die Welt der Golfprofis in große Sieger und ewige Verlierer.

Auf welcher Seite der Geschichtsbücher Severiano Ballesteros stehen wird, war schon zu diesem Zeitpunkt klar: bei den großen Siegern. Deshalb sagte José Maria Olazábal: „Der 16. Juli 2007 ist ein unheimlich wichtiger Tag für den Golfsport.“ Es ist der Tag, an dem Severiano Ballesteros seinen Rücktritt bekanntgegeben hat.“ Schon lange war über den Rücktritt des 50 Jahre alten Ausnahmegolfers, der im Laufe seiner 33-jährigen Profikarriere 89 Turniere gewann, spekuliert worden. Aber erst am Rande der British Open im schottischen Carnoustie entschloss er sich zu dem Schritt. Das war kein Zufall, schließlich hatte der Kantabrier auf dem schottischen Platz 1975 sein Debüt bei den British Open gefeiert. Ein Jahr später überraschte der damals gerade einmal 19 Jahre alte Golfer die gestandenen Profis bei den British Open mit einem Schlag, der Mut und Genie brauchte. Ganz sachte ließ er den Ball zwischen zwei Hügeln entlang rollen und versenkte ihn dann in Loch 18. Ein Schlag, der den ehemaligen Profigolfer Lee Trevino erstaunt ausrufen ließ: „Dieser Junge wird einmal etwas ganz Großes.“

Trevino sollte Recht behalten. Severiano Ballesteros gewann drei Mal die British Open, 1979, 1984 und 1988; zwei Mal, 1980 und 1983, siegte er beim Masters in Augusta. Der Spanier machte Europa im Golf wieder konkurrenzfähig gegen die USA. Acht Mal stand er im Ryder-Cup-Team. Als die Mannschaft 1997 siegte, war er Kapitän. Und: Ohne den charismatischen Golfer von der Atlantikküste wäre die Popularität, die der Sport in Spanien derzeit erlebt, undenkbar.

Gab es in den Siebzigerjahren in Spanien gerade einmal 17 000 Lizenzen für Golfspieler, so sind es heute bereits 300 000. Nach Fußball und Basketball ist Golf die drittpopulärste Sportart auf der iberischen Halbinsel. Und Ballesteros, der sich stets bemühte, den Sport raus aus den elitären Klubs zu holen, weiß um seine Bedeutung. Er habe die British Open 1979 ja auch nicht zufällig gewonnen, sagte er einmal in einem Interview: „1978 wurde in Spanien die Verfassung verabschiedet, das war die Geburtsstunde der Demokratie. Ein Jahr später habe ich eben den Golfsport demokratisiert.“

Aufgewachsen ist er in den ärmlichen Verhältnissen der Franco-Diktatur. Sein Vater arbeitete als Gärtner im Königlichen Golfklub von Pedreña, er selbst zog für die Klubmitglieder den Wagen über den Rasen. Nachts kletterte er heimlich über den Zaun und schwang den Schläger. Wenn ihn wieder einmal jemand erwischte, dann trainierte Ballesteros eben am Strand. Ein Sturkopf, der an sich glaubte und durch nichts von seinem Ziel, eines Tages ein Großer zu werden, abzubringen war. Seine Wurzeln hat Ballesteros nie vergessen. Das machte ihn zum Vorbild einer ganzen Generation – sportlich und menschlich. José María Olazábal etwa erzählte der Tageszeitung El País, wie er 1985, zu Beginn seiner Karriere, bei den britischen Masters zwei Übungsrunden mit Ballesteros spielen durfte. Bewundernd zeigte Olazábal auf dessen Holz Nr. 3, einen schwarzen McGregor-Schläger und meinte: „Damit sähe meine Karriere aber anders aus.“ Zwei Tage später drückte ihm Ballesteros ein Geschenk in die Hand; er hatte für das Nachwuchstalent den gleichen Schläger besorgt. Bis heute sind die beiden Spitzensportler eng befreundet.

„Ich hätte mir gewünscht, dass der Tag von Severiano Ballesteros’ Rücktritt nie eintritt“, sagte Olázabal diese Woche den spanischen Medien, „aber das war wohl unausweichlich.“ Ballesteros kämpft seit Jahren mit schweren Rückenproblemen, eine Langzeitfolge des Autodidaktentrainings am Strand. Seine Präsenz auf der US-Senioren-Tour blieb eine Episode, nur ein Turnier spielte er. Dazu kam ein persönlicher Schicksalsschlag: Anfang des Jahres verunglückte seine Lebensgefährtin tödlich.

Den technischen Fortschritt im Golfsport, die Computeranalysen und Statistiken hat Ballesteros nie sonderlich geschätzt: „So etwas nutzt vielleicht Roboterspielern, aber nicht den Kreativen.“ Er wusste, dass seine Zeit vorbei war. Dass er den Rücktritt trotzdem so lange hinauszögerte, passt letztlich zu einem, der sich stets als leidenschaftliche Kämpfernatur gesehen hat. Ballesteros ging erst, als ihm nichts anderes mehr übrig blieb.

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