Sport : Golf: Tee mit dem Tiger

Thomas Beitz

Zwei Minuten nach 11 Uhr Ortszeit erfüllte sich für einen jungen Berliner ein Traum, den 99,9 Prozent aller Golfer niemals erfüllt bekommen: Auf dem 1. Abschlag des Platzes von Lytham & St. Annes hieß es dann: Next on the Tee: Mr. Gary Birch from Berlin, Germany. Gemeinsam mit dem Amerikaner Mark Wiebe und dem britischen Amateur-Vizemeister John Kemp ging der 22-jährige Birch, der bis vor drei Wochen noch in der Klubmannschaft des Golfclubs Berlin-Wannsee spielte, das Erlebnis British Open 2001 an (beendet nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe).

Birch ist neben Bernhard Langer und dem Münchner Alexander Cejka der einzige deutsche Teilnehmer. So ganz stimmt das allerdings auch nicht, denn der Sohn eines englischen Golflehrers, der vier Jahre lang im Wannseer Klub unterrichtete, hat noch immer die britische Staatsangehörigkeit, obwohl er bereits seit elf Jahren in Deutschland lebt und die letzten fünf Jahre für den Berliner Verein gespielt hat. "Es ist schon ein gutes Gefühl, hier neben den Größen wie Tiger Woods, Retief Goosen oder Bernhard Langer zu stehen und mit ihnen zu spielen", sagt der 22-Jährige, "aber eigentlich sind das auch ganz normale Menschen - mit dem Unterschied halt, dass sie ein bisschen besser Golf spielen als die meisten anderen."

Langer überstand gestern nach intensiver Behandlung seiner lädierten Rückenmuskulatur mit 71 Schlägen den Auftakt. Schlaggleich mit Titelverteidiger Woods lag der Anhausener auf dem Par-71-Kurs sechs Schläge hinter dem bis zum Nachmittag führenden Schotten Colin Montgomerie (65). "Ich bin froh, dass es viel besser geht, als ich dachte. Das Schlimmste ist wohl überstanden", sagte Langer. "Hier sind Denken und Strategie gefragt. Nicht die Länge entscheidet, sondern die Präzision." Der Hexenschuss quälte den Schwaben, der bereits zum 24. Mal versucht, die British Open zu gewinnen. "Hier kann jeder gewinnen, der den Ball geradeaus schlägt und die Genauigkeit nicht verliert", sagte Langer, der zehn Minuten vor Tiger Woods auf die Runde gegangen war. Der Tiger zeigte dabei wie Langer ungewohnte Schwächen bei den langen Drives, seine Bälle landeten immer wieder im hohen Gras oder in den Bunkern.

Für Birch, der erst der sechste Deutsche ist, der an diesem berühmten Golfturnier der Welt teilnehmen darf, begannen die British Open vor 14 Tagen, als er sich bei der ersten Qualifikationsrunde in der Nähe von Birmingham einen Startplatz bei der Schlussqualifikation erspielte. Auf dem schwierigen Platz in Southport konnte er dann am Sonntag und Montag noch einmal überzeugen und schaffte mit zwei Runden unter Par (68 + 70) den Sprung in das Starterfeld der 156 Spieler, die von gestern an um ein Gesamt-Preisgeld von über zehn Millionen Mark antraten. "Für mich ist es wichtig, die nächsten Tage gut zu spielen, zwei Runden in der Nähe von Par wären mein Wunsch", sagte Birch nach seiner letzten Trainingsrunde. "Von meinem Abschneiden hier hängt sicherlich auch ab, wie die Zukunft für mich aussieht." Vor drei Wochen hat er sich entschieden, eine Karriere als Profi zu beginnen - sehr zum Kummer seines Berliner Klubs. "Jetzt muss ich auf Einladungen zu Turnieren hoffen, weil ich frühestens nächstes Jahr auf die reguläre Art in die Tour einsteigen kann, und da wäre ein gutes Abschneiden hier sicher wichtig". Auch für ihn steht der Favorit auf den Titel und den damit verbundenen Siegerscheck von knapp zwei Millionen Mark fest: Tiger Woods. Der hat gute Chancen, seinen Titel erfolgreich zu verteidigen. Aber auf den englischen Links, wie die im offenen Wind an der Küste liegenden typischen Austragungsorte für die British Open genannt werden, hat es schon manche Überraschung gegeben. Und dafür scheint Birch der richtige Mann zu sein: Bei den Buchmachern kannte man ihn bis gestern gar nicht, und erst auf Nachfragen ließ sich die Quote für einen Sieg herausbekommen: Stolze 1000 zu 1.

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