Sport : Good Luck in Burghausen

Mit Robert Huth ging Sebastian Kneißl einst zu Chelsea – jetzt kickt er in der Zweiten Bundesliga

Heinrich Geiselberger[Burghausen]

Robert war 16, Sebastian war 18. Beide wussten nicht recht, wie ihnen geschah, damals, im Jahr 2000, als sie nach England zum FC Chelsea gingen. Nur eines wussten sie genau: „Wir wollen in die erste Mannschaft, wir wollen regelmäßig in der ersten Mannschaft spielen, und wir wollen irgendwann große Spieler in der ersten Mannschaft sein“, sagten die beiden damals dem Tagesspiegel.

Während deutsche Fans fünf Jahre später bei Länderspielen Robert Huths Nachnamen ehrenhalber um ein paar Us verlängern, landet Sebastian Kneißl bei Wacker Burghausen. Chelsea ist Hochglanz, Burghausen wie die Farben des Vereinswappens: Schwarz-Weiß. Der Klub ist ein Bayer Leverkusen im Kleinen. Fährt man über die abgeernteten Maisfelder in die Stadt hinein, hat man an der ersten Kreuzung die Wahl zwischen Wacker Süd, Wacker West und der Wacker-Arena. Der Chemiekonzern Wacker hält das oberbayerische Städtchen mit den 18 000 Einwohnern und den Verein am Leben. In der letzten Saison belegte die Mannschaft in der Zweiten Liga immerhin Platz neun.

Auf die barocke Altstadt drücken 36 Grad, die Touristen sind zu schlapp für den Aufstieg zur längsten Burg Europas, und Trainer Markus Schupp gibt seinen Spielern hitzefrei. „In England fällt wegen des Wetters bestimmt kein Training aus“, sagt Kneißl und nippt an einem Bananenmilchshake. Unter einem schützenden Sonnenschirm erzählt der 22-Jährige vom Großstadtleben, dem Trainingsgelände von Chelsea und von seiner Freundin, die dort als Pressesprecherin arbeitet. Und er erzählt von dem Moment, in dem ein russischer Milliardär seine Pläne durchkreuzte. 2003 stand Kneißl kurz vor dem Durchbruch. Zumindest versicherte ihm das sein Trainer Claudio Ranieri. Kneißl lehnte ein erstes Angebot aus Burghausen ab. Drei Wochen später übernahm Roman Abramowitsch den Verein, kaufte Hernan Crespo und Juan Veron. Statt in der ersten Mannschaft zu spielen, wurde der Angreifer Kneißl zum FC Dundee ausgeliehen. Als er nach London zurückkehrte, kam der Trainer Jose Mourinho. Der exzentrische Portugiese setzte ihm die Stars Didier Drogba und Arjen Robben vor die Nase, Chelsea schob ihn nach Belgien ab. Das zweite Angebot von Burghausen nahm Kneißl dann an.

Schon nach vier Wochen fühlt er sich dort wohl. „Ich komme vom Land, und die Großstadt war nicht so mein Ding. Außerdem gibt es hier Schnitzel, und die habe ich in England mega vermisst“, sagt der Hesse, der früher in der Jugend von Eintracht Frankfurt spielte. Wacker hat ihm eine Wohnung in Marktl besorgt, der Heimat des Papstes. Aber das interessiert Kneißl wenig. Wichtiger ist ihm, dass er auf dem Weg von Marktl nach Burghausen an einem Golfplatz vorbeikommt. Seit der Zeit in Schottland ist Golf sein Hobby. Die Schornsteine und Raffinerien von Burghausen ragen hinter dem Golfplatz aus dem Wald. Burghausen ist auch für Fußballer eine Art Raffinerie: Der Verein formte in den letzten Jahren Talente wie Thomas Broich und Tom Geißler, die jetzt in der Bundesliga bei Gladbach und in Mainz spielen. Kneißl sagt, dass diese Beispiele wichtig für seine Entscheidung waren.

Dann unterbricht ihn eine SMS. „Der Robert“, erklärt er. Huth ist mit Chelsea in den USA. „Er will wissen, ob er mir einen i-Pod mitbringen soll. Die Dinger sind da drüben anscheinend spottbillig.“

Kneißl und Huth sind in England Freunde geworden. Über die Kritik, die Huth beim Confed- Cup einstecken musste, regt sich Kneißl immer noch auf: „Der Robert ist 20. Wenn ein 20-Jähriger keine Fehler mehr machen darf, wer dann?“ Damals haben die beiden Freunde viel telefoniert. „So was kommt vor. Wenn ich bei der WM konstant gut spiele, habe ich damit kein Problem“, hat Huth gesagt. „So viel Selbstvertrauen muss man erst mal haben“, sagt Kneißl. „Respekt!“

Kneißl glaubt, dass Huths Abgeklärtheit viel mit der Zeit in England zu tun hat. In den fünf Jahren dort seien die beiden ruhiger und erwachsener geworden. Kneißl sieht die Zeit bei Chelsea als wertvolle Erfahrung an. „Wer konnte denn wissen, dass der Abramowitsch ausgerechnet in dem Moment den Verein kauft? Niemand weiß, was sonst passiert wäre“, sagt er. „Vielleicht würde ich immer noch bei Chelsea spielen. Vielleicht aber auch in Italien oder Spanien. Aber es war eine tolle Zeit. Ich bin erst 22 und habe mit großen Trainern und Stars gearbeitet.“

Von seinen Erfahrungen beim reichsten Verein Europas profitiert jetzt Burghausen. Trainer Markus Schupp kann sich über die Methoden von Jose Mourinho informieren. Als Kneißl erzählte, dass Mourinho kein Ausdauertraining macht, war Schupp überrascht.

Frank Lampard, Kneißls Teamkollege bei Chelsea, hat ihm zum Abschied seine Autobiographie geschenkt. Mit der Widmung: „Sebastian, good luck in Burghausen. Hoffentlich sehen wir uns bald mal in London auf ein Bier.“ Kneißl hofft, dass er irgendwann für mehr als nur einen Kneipenbesuch zurückkehrt. Er will wieder auf der Insel spielen. „Man weiß nie, was passiert. Vielleicht lege ich jetzt eine Riesensaison hin, und es kommt gleich ein Angebot aus England.“

Aber er ist auch darauf vorbereitet, wenn es nicht klappt: „Vielleicht schaffe ich es nie mehr. Das ist das Geile an dem Beruf: Dass man nie weiß, wo es hingeht. Aber egal, ob ich an der Salzach bleibe oder wieder an der Themse lande: Hauptsache, ich spiele Fussball.“

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