Sport : Goran Ivanisevic: Ganz unten

Jörg Allmeroth

Er war der "Herr der Asse". Er war ein Hitzkopf, ein Choleriker und ein Clown. Und er war immer einer der glänzendsten Unterhalter im Tenniszirkus. Heute spürt Goran Ivanisevic nichts als Leere in sich. Für den Kroaten, der zwischen 1990 und 1998 regelmässig unter den besten 20 der Rangliste platziert war, sieht die Welt nur noch grau aus. "Ich habe keinen Spass am Tennis, ich weiss gar nicht, warum ich hier in New York war", sagte Ivanisevic deprimiert, "trainieren möchte ich am liebsten überhaupt nicht mehr." Einige Momente zuvor hatte er in Flushing Meadows die wohl peinlichsten Grand-Slam-Niederlage seiner Karriere hinnehmen müssen.

Beim 6:3, 0:6, 1:6, 0:6-Debakel gegen den Slowaken Dominik Hrbaty erlebte die entsetzte Fangemeinde den Offenbarungseid des ehemals zweitbesten Tennisspielers der Welt. Die letzten drei Sätze des Niedergangs dauerten 57 Minuten, im Schlussdurchgang Ivanisevic ganze fünf Punkte. Kein Aufbäumen, kein Widerstand, keine Willensanstrengung bei einem, der sonst von der Kraft seiner starken Emotionen lebte. "Innerlich bin ich wie tot", sprach Ivanisevic später mit dünner Stimme in einem TV-Interview. Mit bitterem Sarkasmus schob der Kroate noch den wirklich letzten Beweis für seine Motivationslosigkeit nach: "Ich kann nicht mal mehr einen Schläger zertrümmern."

Seit zwei Jahren fühlt sich Ivanisevic fremd in seinem eigenen Körper und in der Tennis-Branche. Fast jeder Tag füllt sich mit Lethargie, Lustlosigkeit und einer einzigen Lähmung. Wie ein verlorener Junge komme er sich inzwischen vor, sagt Ivanisevic, "wie einer, den man irgendwo abgestellt und vergessen hat." Jahrelang hatte der ebenso geliebte wie gehasste Spitzenspieler, der dreimal im Wimbledon-Endspiel scheiterte, seine Antriebsgründe: Mal spielte er, um seiner krebskranken Schwester mit Erfolgen neuen Lebensmut zu geben. Mal trat er mit Furcht erregendem Outfit und kahl geschorenem Schädel auf den Center Court, um im selbst postulierten sportlichen "Ersatzkrieg" für sein Heimatland zu streiten.

Doch mittlerweile hat Ivanisevic nicht nur jede Ahnung verloren, wie er gewinnen kann, sondern auch, warum er überhaupt noch gewinnen soll. Warum gewinnt er nicht einfach für sich? "Das ist das Problem", sagt Ivanisevic schwermütig, "ich mag mich selbst nicht."

Die Leere lässt ihn nicht mehr los. "Meine Lebensbatterie steht auf Null", sagt Ivanisevic, "das rote Licht ist an." Freunde erzählen, dass der 28-Jährige schon einmal Selbstmordgedanken gehegt habe. Auf der Tour ist Ivanisevic einsam geworden, ein Überbleibsel aus einer vergangenen Zeit. Viele Newcomer schlagen heute so stark auf wie er, der einstige Service-König. Vor vier Jahren markierte der Kroate auf der Höhe seines Könnens mit 1422 Assen in einem Jahr einen bisher unerreichten Weltrekord. In diesen Tagen ist der Aufschlag seine Fehlerquelle. Ivanisevic klagt: "Ich kriege überhaupt kein Service ins Feld."

Ivanisevic beneidet seinen alten Kumpel Boris Becker für seinen Abgang zur rechten Zeit. Er selbst wird mehr und mehr zum Opfer im Profitennis, zum Dauerverlierer. Bei drei der vier Grand Slams dieser Saison verlor Ivanisevic in der ersten Runde, nur bei den Australian Open gewann er sein einziges bedeutendes Match gegen den Franzosen Pioline. Genauso erfolglos spielte Ivanisevic bei den Masters-Series-Turnieren der ATP.

Wie lange das noch so weitergehen soll, weiß Ivanisevic nicht. Ein paar Tage will er jetzt in New York bleiben, um über die Zukunft nachzudenken. Als ihm ein Journalist eine Wette anbietet und sagt, er setze darauf, dass Ivanisevic im nächsten Jahr nicht bei den US Open antreten werde, antwortet der Kroate: "Die Wette ist nicht schlecht." Doch eigentlich hat Ivanisevic, seit neuestem von Flugangst geplagt, auch schon keine Lust und Laune mehr, den nächsten Weg anzutreten, zu den Olympischen Spielen in Sydney. "Es kann sein", sagt er, "dass ich morgen oder übermorgen aufhöre."

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