Sport : Gott im Plattenbau

Andrej Schewtschenko lernte das Fußballspielen einst in Kiew-Obolon. Wenige Tage vor dem EM-Finale kehrt der ukrainische Sturmheilige zurück an den Ort seiner Jugend – und das ganze Viertel steht Kopf.

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„Andrej, kennst du mich noch?“ Schewtschenko, der Weltstar, trifft nach vielen Jahren seine alte Lehrerin
„Andrej, kennst du mich noch?“ Schewtschenko, der Weltstar, trifft nach vielen Jahren seine alte Lehrerin

Tatiana Vasilievna hat sich hübsch gemacht. Sie trägt Ledersandalen und ein schwarz-rotes Kleid mit transparenten Ärmeln. Die Sonnenbrille hat sie in die Kurzhaarfrisur gesteckt. Sie steht am Eingang ihrer ehemaligen Schule und ist ein wenig nervös. „Wird er mich erkennen?“, fragt sie. Das letzte Mal haben sich die beiden irgendwann Mitte der Achtzigerjahre gesehen, kurz bevor der zehnjährige Andrej Schewtschenko hier in Kiew-Obolon von Dynamo-Scouts entdeckt wurde. Tatiana war damals Mitte 30. Sie war seine Sportlehrerin.

Im Eingangsbereich der Schule hängt ein großes Poster mit dem Gesicht von Andrej Schewtschenko. Darauf steht: „Hier hat der beste Spieler der Nation gelernt.“ Heute kehrt er zurück. Andrej Schewtschenko soll hier einen modernen Kunstrasenplatz einweihen, inmitten von Plattenbauten. Heute ist der Tag, an dem Gott nach Obolon kommt.

Er war in den vergangenen Jahren nicht mehr so häufig hier, sagt Tatiana. Mailand, London, die ganze Welt. Und wie wird es erst in Zukunft sein? Wird er überhaupt noch einmal zurückkommen? Ist der Platz so etwas wie ein Abschiedsgeschenk? Tatjana glaubt, dass Andrej Schewtschenko nun für immer nach Italien, England oder sogar in die USA geht. Seine Frau möchte es so. „Sie bestimmt zu viel“, sagt Tatiana.

Nicht mehr lange bis zur Eröffnung des neuen Platzes. Ein Mann, ein Bilderbucharbeiter mit Zigarette im Mundwinkel und freiem Oberkörper, nimmt die letzten Reparaturen vor. Der Zaun, der den Platz umgibt, bekommt noch schnell einen neuen Anstrich. Vor einigen Wochen war hier noch Brachland, zwei Tore standen schief auf dem staubigen Boden, ein paar Grasbüschel, spitze Steine, kaputte Zäune, Mülltonnen. Igor läuft hier täglich vorbei. Doch er hat sich bei der Baustelle nichts weiter gedacht. „Stimmt das wirklich? Das hier ist wegen Andrej?“

Igor ist 16 Jahre alt und in der Jugend vom FK Obolon aktiv, dem lokalen Stadtteilverein. Die erste Mannschaft spielt auf demselben Platz, auf dem Andrej Schewtschenko Mitte der Achtziger bei einer sogenannten Mikroviertelmeisterschaft teilnahm. Das war damals ein populäres Jugendturnier, das parallel in vielen verschiedenen Orten der Sowjetunion stattfand. Zu gewinnen gab es den „Lederball“-Cup. Bei einem Spiel trumpfte Schewtschenko so stark auf, dass die Scouts von Dynamo Kiew ihn vom Fleck weg verpflichteten. Er war gerade einmal zehn Jahre alt. Wenige Wochen zuvor hatte er sich an einer Kiewer Sportschule beworben und war noch bei einem Dribbel-Wettbewerb gescheitert.

Heute steht an dieser Stelle ein kleines Stadion, eine Haupttribüne, eine Gegengerade, keine Kurven. 5000 Zuschauer fasst es. Auch hier Plattenbauten ringsherum. Wer in dieser Gegend im 14. oder 15. Stock wohnt, muss manchmal auf die Heizung verzichten, denn das Wasser kühlt auf dem Weg nach oben zu schnell ab. Doch man hat einen fantastischen Blick.

Manchmal, wenn Spiele ausverkauft sind, klingeln Fans bei den Bewohnern. Von ihren Balkonen aus kann man das ganze Spielfeld sehen. Doch die Spiele sind nur noch selten ausverkauft, zumal der FK Obolon gerade aus der ukrainischen Premjer Liha abgestiegen ist. Der Klub gehört der lokalen Bierbrauerei und bekam vor einiger Zeit ein neues Wappen: Einen gelben Löwen mit Flügeln, einen Greif.

Entworfen hat es Konstantin Fjodorov. Er arbeitet in einer Werbeagentur und wohnt ebenfalls in Obolon, in dem alten Plattenbaugebiet. Er spielt in einer Hobbymannschaft, die sich Sport Club Of Internet Fans Kiew, kurz: SCIF.

Am Eingang zu Konstantins Haus gibt es eine Wachfrau, die sich einen Tisch und ein kleines Bett in ihr Dreiquadratmeterhäuschen gestellt hat. Konstantin lebt im ersten Stock, Einzimmerwohnung, Schlafsofa, 30 Quadratmeter. Auf den holzvertäfelten Schränken stehen Pokale, die sein Team gewonnen hat. Im Fernsehen läuft gerade die Dokumentation „Referees at work“. In einer Szene sieht man, wie sich Massimo Busacca vor dem Spiegel umzieht. Dann sagt er: „Dressed for success!“ Konstantin findet das nicht gut. Sie sollen pfeifen, nicht modeln. „Hast du das Spiel Ukraine gegen England gesehen? Dressed for success? So ein Quatsch!“ Dann erzählt er von Obolon, von früher und Schewtschenko. Und auch er fragt: „Ist es eigentlich wahr, dass der neue Sportplatz von ihm finanziert wird? Kommt Andrei wirklich?“

Nur noch ein paar Stunden bis zur Eröffnung. Vor der Haustür in der Mate-Zalki-Straße Nummer 2 sitzen zwei Jungs. „Ja, hier hat Schewa mal gewohnt“, sagt der eine. „Er kommt?“, fragt der andere. „Kann ich nicht glauben.“ Dann scheuchen sie einen Straßenhund weg und gehen rüber zu diesem kleinen Rasenstück, das sich direkt zwischen Haus und Schule befindet. Dort befindet sich ein kleines Tor, die Eisenpfosten sind rostig und abgeknickt. Schewtschenko soll hier seine ersten Torschüsse gemacht haben.

Montagnachmittag, es ist soweit: Gott ist da. Die Anwohner stehen am Zaun, Reporter rennen, Fotografen rennen, Kinder rennen, „Schewa, Schewa“, rufen sie, so laut sie können. Und auch Tatiana beeilt sich, sie drängt vorbei an den Menschenmassen. Obolon hat sich hübsch gemacht, so gut es eben geht. Sie haben zwischen die Plattenbauten kleine Beete gepflanzt, sogar das Tor auf dem kleinen Rasenstück wurde gestrichen, und die Pfosten stehen nun wie durch Zauberhand gerade. Andrej Schewtschenko kommt wirklich, doch er wird all das nicht sehen. Er fährt mit seinem weißen Range Rover direkt vor die Schule. Dann wird er von Polizisten und zwei Damen aus der PR-Abteilung seines Sponsors auf den Platz begleitet.

Er hat eine kleine Rede vorbereitet. Er hat sie auf ein Blatt Papier geschrieben, das er fest in der Hand hält. Dann tritt er vor das Mikrofon und erzählt, wie er hier früher auf Grasbüscheln gekickt hat. „Dort drüben habe ich gewohnt“, sagt er und guckt zur Mate-Zalki-Straße Nummer 2.

Dann ist er fertig, er setzt sich wieder, steht wieder auf, gibt Autogramme, beantwortet Fragen, nickt, lächelt, schüttelt Hände, ein exklusiver O-Ton, bitte, ja, jetzt und hier, kann mal jemand den Fotografen mit dem Drei-Meter-Objektiv durch die Leute drücken? Ja, gut, danke. Nein, bitte nicht über diese Linie treten.

Mit einem Mal geht Tatiana auf diesen neuen Sportplatz, sie wirkt hier richtig imposant, sie ist groß und hat ein kräftiges Kreuz. Sie sieht aus wie eine Direktorin, und die Journalisten gehen einen Schritt zurück. Natürlich werden sie sich gleich auch auf Tatiana stürzen, denn sie scheint eine wichtige Person zu sein. Nun aber marschiert sie erst einmal. Da eine alte Kollegin, dort ein Nachbar. Hallo.

Schließlich steht sie vor ihm, die Lehrerin vor ihrem Schüler. Er sieht sie an, und sie fragt: „Andrej, kennst du mich noch?“ Dann umarmt er sie.

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