Gott sagte "Nein" : Die vergebensten Chancen aller Zeiten

Versiebte Riesenchancen in dramatischen Situationen - Christoph Ries hat die erbärmlichsten Fehlschüsse zusammengetragen.

Christoph Ries
Thomas Helmer
Thomas Helmer war nicht immer des Balls bester Freund - wie gegen den 1. FC Nürnberg in der Spielzeit 1993/94. -Foto: ddp

Paul Gascoigne

(England), EM-Halbfinale 1996
Nutznießer: Deutschland

Es war ein Moment, der den Verlauf einer ganzen Ära hätte auf den Kopf stellen können. Nach 90 erbittert umkämpften Minuten ging das EM-Halbfinale 1996 zwischen Deutschland und England in die Verlängerung. Nichts hielt die Fans im Londoner Wembleystadion mehr auf ihren Sitzen, die Abwehr der Deutschen wankte, drohte gar zu fallen. Angeführt vom 29-jährigen Paul Gascoigne feuerte England einen Angriff nach dem anderen auf das Tor von DFB-Keeper Köpke ab. Dieser hat alle Hände voll zu tun, doch in der neunten Minute der Nachspielzeit scheint der Deutsche bereits geschlagen. Der Engländer Alan Shearer hat sich auf rechts durch den Strafraum der Deutschen gedribbelt und zwirbelt nun eine passgenaue Flanke auf den langen Pfosten. Köpke, Eilts, Babbel – alle verpassen den Befreiungsschlag. Gascoigne hingegen hat ganz genau aufgepasst. Mit einem langen Stechschritt schießt er aus dem Fünfmeterraum in Richtung Pfosten. Es scheint, als hätte er die Flugbahn des Balles akribisch genau berechnet, denn es wird knapp – sehr knapp. Ein Abwehrspieler grätscht ihm entgegen, der Engländer streckt den großen Fußzeh aus - und jagt Millimeter an der Flanke vorbei. Die Fans toben. Einige hatten den Ball schon im Netz zappeln sehen. Gascoigne dagegen blickt mit weit aufgerissenen Augen in den Londoner Nachthimmel und kann es nicht fassen. Das Golden-Goal war gerade eingeführt, Deutschland wäre geschlagen gewesen. Doch der alte Lineker-Spruch "...und am Ende gewinnen immer die Deutschen," er behielt Recht. Danke, Gazza!

Andrij Shewtschenko (AC Mailand), Champions League Finale 2005.
Nutznießer: FC Liverpool

Die Macht des Schicksals hatte es sich fest vorgenommen: Champions League Sieger 2005 sollte der FC Liverpool werden. Anders ist es kaum zu erklären, dass das in Halbzeit eins scheunenweit offen stehende Tor von Liverpool-Keeper Dudek für Mailands Stürmer plötzlich wie vernagelt schien. Aber weil zum Gewinner immer auch ein passender Verlierer gehört und der meistens mit dieser Rollenverteilung wenig glücklich ist, entschied das Schicksal, dem AC Mailand eine allerletzte Chance zu gewähren, den Karren doch noch aus dem Dreck zu ziehen. Für einen finalen Augenblick erhob der Allmächtige den Finger und berührte Mailands Stürmer Andrij Schewtschenko am Kopf, als selbst das nichts half, ein weiteres Mal am Spann. Umsonst. In der 118. Minute der Verlängerung wuchtete der Ukrainer einen jener Kopfbälle auf das Tor des FC Liverpool, denen man es vorbehaltlos gönnen würde, wenn sie ein Finale entschieden. Nur Reds-Keeper Dudek war vom Gegenteil überzeugt und kratzte den Ball von der Linie, ohne aber zu verhindern, dass das Leder ein zweites Mal dem Stürmer vor die Füße fiel. Mit dem unteren Weichteil des linken Ohrläppchens hätte er ihn reinmachen können, auch mit jeder einzelnen Schlaufe seiner Fußballstiefel. Stattdessen hämmerte Schewtschenko die Kugel aus zwei Metern aufs Tor. Blindwütig, leichtsinnig und ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, welch Tragweite sein Handeln für den weiteren Fortgang des Finales haben könnte. Herzlos sprang Dudek dazwischen und klärte zur Ecke. In diesem Moment blieb dem Allmächtigen nichts anderes übrig, als fortan zum FC Liverpool halten. Eine letzte Strafe hatte sich Gott noch für das anschließende Elfmeterschießen allerdings aufgehoben. Den entscheidenden Strafstoß sollte einer versemmeln, der es auch verdient hatte: Andrij Schewtschenko.

Christoph Dabrowski (VfL Bochum), 33. Spieltag 2006/07
Nutznießer: VfB Stuttgart

Was haben Christoph Dabrowski und der frühere Münchner Patrik Andersson gemeinsam? Antwort: Beide haben die Fans von Schalke 04 mit einer ihrer Aktion an den Rand des Nervenzusammenbruchs gebracht. Während Andersson sich rühmen darf, die Schalker mit einem Treffer ins Tal der Tränen gestürzt zu haben, muss sich Herr Dabrowski den Vorwurf gefallen lassen, selbiges durch schlichtes Unvermögen geschafft zu haben. Es war der entscheidende Moment der Saison 2006/07. Sekunden vor dem Abpfiff drang der VfL noch einmal in die Hälfte des neuen Tabellenführers aus Stuttgart ein. Eine Flanke bahnte sich ihren Weg von der Strafraumgrenze in den Fünfmeterraum. Wie verzweifelte Schulkinder warfen sich die Stuttgarter Abwehrspieler dazwischen, doch vergeblich. Der Ball schien vorbestimmt für Christoph Dabrowski. Dieser weilte mutterseelenallein vor dem Stuttgarter Tor und hatte nun genug Zeit, VfB-Torwart Hildebrandt die berühmte Frage, wo er ihn denn gerne hin haben möchte, schriftlich ausformuliert ans Revers zu heften. Doch nichts dergleichen entsprach dem hektischen Gemüt des Christoph Dabrowski. Aus einem halben Meter Entfernung holzte er die Kugel dem Keeper um die Ohren - frontal aufs Vereinsemblem. Zeitgleich erschütterte ein Schrei des Entsetzens die Trainerbank der Gäste, gefolgt von infernalischen Lachanfällen aus dem Gästeblock. Die Schwaben hatten begriffen, dass Dabrowskis Untalent ihnen gerade die Tabellenführung gesichert hatte. Zurück blieb ein Bochumer Elendshäufchen, das sich am liebsten aufgemacht hätte, mit Schock starren Maulwurfsaugen im Rasen des Ruhrstadions zu versinken. Was geschehen war, konnte nicht geschehen sein. Das fand selbst der Stuttgarter Magnin, der sich aus Solidarität ein bisschen mitschämte.

Naohiro Takahara (Hamburger SV), 27. Spieltag 2003/04
Nutznießer: Arminia Bielefeld

Als sich Naohiro Takahara am 5. April 2003 kurz hinter der Mittellinie aufmachte, sein denkwürdigstes Solo im HSV-Dress zu starten, hatte sein Gegenspieler bereits zwei Meter Rückstand. Nur Bielefelds Torwart Hain hatte der Japaner noch vor sich, dieser befand sich allerdings – der Teufel weiß, warum – auf Abwegen und weilte gut und gerne 30 Meter vor dem Tor. Ohne Mühe schob Takahara den Ball vorbei und lief nun mutterseelenallein dem 2:0 entgegen. Dessen waren sich auch die Zuschauer im ehemaligen Volksparkstadion bewusst, welche die bevorstehende Spielentscheidung mit wilden Veitstanzorgien feierten. Von diesem Theater vollkommen unberührt zog Takahara ab. Vom linken Eck des Fünfmeterraums raste der Ball aufs Tor und schlug dabei einen Weg ein, der bei Naohiro Takahara und allen anderen menschlichen Seelen von Hamburg-Stellingen das Blut zu Glas gefrieren ließ. 7 Meter 32 waren nicht genug. So cool und lässig, wie der Japaner zuvor die gesamte Bielefelder Viererkette hinter sich gelassen, so unbeeindruckt passierte das Leder nun die Auslinie. Stellingen war entsetzt. Und mit ihm ganz Japan.

Thomas Helmer (FC Bayern), 32. Spieltag 1993/94
Vermeintlicher Nutznießer: 1.FC Nürnberg

Chancentöter aufgepasst: Hier kommt der Mann, der es geschafft hat, maximales Unvermögen mit maximalem Erfolg zu kombinieren: Thomas Helmer! Eckball Bayern. Auf Höhe des kurzen Ecks kommt der Ball in den Strafraum des Abstiegskandidaten aus Nürnberg gesegelt. Ein Bayern-Spieler verlängert per Kopf auf den langen Pfosten. Dort steht Helmer, bewacht vom Nürnberger Kubik, und wartet auf die Kugel. Schewtschenko, Dabrowski, Takahara – sämtliches Ungeschick der Erde vereinigt sich in den Füßen des Bayern-Akteurs und führt dazu, dass Helmer in Anfänger-Manier über die Kugel stolpert. Diese bewegt sich – wohl aus Mitleid – doch einige Zentimeter Richtung Torlinie und löst bei den Nürnberger Verteidigern eine mittelschwere Panik aus. Ein zweiter Abwehrspieler kommt herangeeilt, grätscht dazwischen. Inzwischen ist auch Club-Keeper Köpke zur Stelle, wirft sich in Beschützermanier quer über die Torlinie. Auch Helmers Stochern wird nun hektischer. Einzige entspannte Komponente in diesem endzeitlichen Gewirr: der Ball. Er scheint seinen finalen Zielort - das Seitenaus - bereits zu kennen.

Als selbst Helmers finaler Vorstoß, den Ball mit der Hacke ins Tor zu befördern, scheitert, lässt sich der verhinderte Torschütze enttäuscht ins Netz fallen. Köpke hilft ihm wieder auf die Beine, nicht ohne einen spöttischen Spruch fallen zu lassen: "Wie konntest du den noch daneben schießen?" Helmer antwortet einsichtig: "Das weiß ich auch nicht!" Nicht einmal einen Eckball hatte er herausholen können – maximales Unvermögen! Da rempelt ihn sein Nationalmannschaftskollege plötzlich um und sprintet entgeistert drein blickend Richtung Schiedsrichter. Zwei, drei andere "Glubberer" kommen hinzu. Fassungslos stürzen sie sich auf Hans-Joachim Osmers. Dieser hatte gerade – oh Wunder des Röntgenblicks – auf Tor entschieden. Ein Tor, das sein Assistent Jörg Jablonski mit seinen eigenen Augen gesehen haben mag. Wo, das bleibt selbst Glückspilz Helmer verschlossen, der sich in der Zwischenzeit vor unbequemen Fragen vorsichtshalber in Sicherheit gebracht hat. Und? War er nun drin, Herr Helmer? "Nein", meinte der Betroffene Jahre später in einem Fernsehinterview. "Und heute finde ich, ich hätte es dem Schiedsrichter sagen sollen." Das fanden auch die Nürnberger, die das Wiederholungsspiel mit 5:0 verloren und am Ende der Saison abstiegen. Zur selben Zeit, als die Bayern die Meisterschale in den Himmel reckten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben