Sport : Gottes Geschenk

Oliver Trust

Die Prognosen für weiße Weihnachten im Schwarzwald sind prächtig. Auch rund um Waldkirch. Die Eltern von Heiko Herrlich sind hier zu Hause, er hat beim FC Kollnau angefangen mit dem Fußball. "Vor einem Jahr konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, dass es noch mal Weihnachten wird", sagt Herrlich leise. "Heute", meint er, "freue ich mich auf jeden Tag mit meiner Familie."

Es wird ein besonderes Weihnachten werden für die Herrlichs. Die Monate nach dem 9. November 2000 erscheinen dem Fußballprofi von Borussia Dortmund wie ein zweites Leben, obwohl in seinem Pass steht, dass er vor ein paar Tagen, am 3. Dezember, 30 Jahre alt wurde.

Damals war er 29. Die Diagnose, Krebsgeschwür im Mittelhirn, beschäftigte die Nation. In der Dortmunder Kabine saßen die Kollegen, starrten ins Leere, manche weinten. Die gesamte Liga war geschockt, Tausende aufmunternde Briefe kamen, sogar der Kurs der BVB-Aktie geriet in Turbulenzen. Für Heiko Herrlich haben die Tage voller Angst sein Leben verändert. "Ich habe das neue Leben als Gottes Geschenk angenommen", sagt er. "Ich habe gerade nach dem ersten Schock viel gebetet. Vielleicht war das die glücklichste Zeit in meinem Leben. Ich wollte jeden Tag genießen. Was nützt es, zu jammern, wenn ich nur noch eine Woche zu leben habe?"

Aus seinem tiefen Glauben machte er nie einen Hehl, auch wenn manche ihn als komischen Heiligen einstuften. "Meine Gebete haben mich zur Ruhe kommen lassen, ich war teilweise sehr glücklich, weil ich innerlich mit mir im Reinen war", sagt er. Herrlich machte Karriere als gläserner Mensch, an dessen Schicksal alle teilnahmen. Kirchenblätter und Internetseiten christlicher Organisationen berichteten über seinen "Sieg durch Gott", der anderen Mut machen und zeigen sollte, wie sehr Zuversicht einen Krankheitsverlauf beeinflussen kann. Daheim stellte er den Anrufbeantworter an. Es war einfach zu viel. Selbst BVB-Manager Michael Meier rang auf dem Band nach Worten.

Nun ist Fußball Nebensache, die Geld und Spaß bringt, der Profisportler Herrlich jedoch entdeckte neben der Ellbogengesellschaft Bundesliga für sich neue Helden. Ärzte und Pfleger, "die sich von morgens bis abends für die Patienten aufopfern, sind wirkliche Persönlichkeiten". Was seien dagegen Fußballspieler, die ein paar gute Spiele machten. "Früher", sagt er, "war ich Musterprofi im negativen Sinn. Wenn ich meine Vollkorn-Nudeln vor dem Spiel nicht hatte oder die Betten schlecht waren, hat mich das aufgewühlt. Ich war verbissen, stand mir selbst im Weg." Als er im Uefa-Cup die Dortmunder mit seinem ersten Tor nach der Genesung in die nächste Runde schoss, stand er mit Tränen in den Augen da und schluchzte: "Ich denke jetzt vor allem an die Leute, die so eine Scheiße haben, wie ich sie hatte und denen es jetzt schlecht geht."

Der gebürtige Mannheimer kennt die Verzweiflung. Die Strahlentherapie empfand er wie "den Elektrischen Stuhl". Ständiges Übergeben wegen der Chemotherapie. In dieser Zeit gab ihm der Gedanke an seine schwangere Frau und sein Kind Kraft. Egal, wie sein Kampf ausgehen würde, "ich wollte mein Kind noch sehen". Er seufzt tief, wenn er über seine Krankheit spricht. "Eigentlich", sagt er, "habe ich das Glück für den Rest meines Lebens aufgebraucht." Er habe daran gedacht, was ist, "wenn ich heute in den Himmel komme und Gott mich fragt, was hast du mit deinem Leben gemacht?"

Nun glaubt er fest daran, anderen Mut gemacht zu haben. Das haben ihm die vielen Briefe, die immer noch ankommen, bewiesen. Er ist überzeugt, gezeigt zu haben, dass es nicht lohnt, sich über Nebensächlichkeiten aufzuregen, wie wichtig es ist, bewusst zu leben und trotzdem engagiert ans Werk zu gehen. Zuerst lehnte er eine Vertragsverlängerung ab, die die BVB-Führung, "die sich unglaublich um mich gekümmert hat", sofort anbot. Erst als er den Anschlussschaffte, unterschrieb er bis 2005. Er wollte kein Mitleid und keine Geschenke. "Ich wollte keinen Vertrag, um ihn abzusitzen, ich wollte zurück auf den Rasen, weil ich Leistung bringe", sagt Herrlich über sein neues Wertesystem.

Einmal im Monat muss Heiko Herrlich noch zur Nachuntersuchung. Er geht stets mit einem beklemmenden Gefühl, obwohl die Möglichkeit, dass neue Geschwüre entdeckt werden, sehr gering ist. Die medizinischen Prognosen sind gut, er hatte keine Metastasen im Körper. "Ich weiß jetzt einfach, wie schnell sich alles ändern kann", sagt er und schaut ratlos. "Manchmal frage ich mich, wieviel ich selbst zu meinem Überleben beigetragen habe, wieviel war Wissenschaft und wieviel war Wunder?"

0 Kommentare

Neuester Kommentar