Gottlieb-Daimler-Stadion : Die Leichtathletik läuft aus

Das Stuttgarter Stadion wird umgebaut und gehört ab 2009 ganz dem Fußball. Die Leichtathleten des "World Athletics Final" sind in zehn Tagen das letzte Mal zu Gast.

Friedhard Teuffel
Leichtathletik
Letzte Runde. Für Sprintstars wie Astafa Powell (links) und Leonard Scott ist bald kein Platz mehr.Foto: dpa

BerlinDie besten Leichtathleten der Welt treffen sich in zehn Tagen in einem Auslaufmodell. Das Gottlieb-Daimler- Stadion in Stuttgart wird beim World Athletics Final für sie zum letzten Mal eine Bühne sein. Um danach dort aufzutreten, müssten sie schon Fußballprofi werden oder Popstar oder eine Predigt beim Evangelischen Kirchentag halten. Denn der VfB Stuttgart wird der Stadt das Stadion abkaufen und 2009 mit dem Umbau beginnen. Um es aus der Sicht des Fußballs zu sagen: Dann verschwindet die Distanz zwischen Zuschauern und Spielfeld, weil die Laufbahn wegfällt. Die andere Sicht ist: Die deutsche Leichtathletik verliert einen ihrer besten Austragungsorte, wieder einen.

Für die Fußball-WM 2006 hatte die Leichtathletik schon in vielen Stadien Platz machen müssen. Ohne Stuttgart bleiben ihr in Deutschland nur noch zwei Stadien, die groß genug für Weltmeisterschaften sind: das Berliner und das Münchner Olympiastadion. In Nürnberg könnten vielleicht noch Europameisterschaften stattfinden. Alle anderen großen Stadien in Deutschland haben inzwischen keine Laufbahn mehr. „Der Fußball droht alles plattzumachen“, sagt Clemens Prokop, der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, „in Stuttgart könnte es jetzt zu einer Monokultur kommen.“

Der Abschied vom Gottlieb-Daimler-Stadion fällt der Leichtathletik besonders schwer, denn die Atmosphäre bei der WM 1993 gilt bis heute als herausragend. Für die WM hatte der VfB Stuttgart sogar einen Großteil seiner Feierlichkeiten zum 100-jährigen Bestehen ins darauffolgende Jahr verlegt. Das Stuttgarter Publikum konnte sich 1993 für die Leichtathletik so sehr begeistern und gleichzeitig die Leistungen der Athleten fachkundig und fair bewerten, dass die Unesco es mit einem Fair-Play-Preis auszeichnete. Doch die Begeisterung ist offenbar in den vergangenen Jahren etwas abgekühlt.

Im letzten Jahr kamen an beiden Tagen zusammen nur 56 000 Zuschauer zum World Athletics Final. Das war der erste Rückschlag für die Leichtathletik. Den zweiten versetzte ihr der VfB Stuttgart mit einer Machbarkeitsstudie im vergangenen Herbst. Die Studie legte ein offenbar überzeugendes Konzept zum Umbau des Stadions vor. „Das hat der VfB schon gut gemacht“, stellt Jürgen Scholz fest, der Präsident des Württembergischen Leichtathletik-Verbandes. Auch der dritte Schlag kam vom Fußball: Es war der deutsche Meistertitel des VfB in diesem Sommer.

Jetzt verhandeln Stadt und Klub über den Verkauf des Stadions, es soll dabei um einen Preis von 55 Millionen Euro gehen. „Die Stadt steht den Plänen des VfB nicht im Weg“, sagt Katrin Lebherz, Sprecherin der Stadt Stuttgart. Damit ist schon viel gesagt, auch wenn die endgültige Entscheidung der Gemeinderat trifft, vielleicht schon im Oktober.

Eine Entscheidung für die Leichtathletik ist schwer vorstellbar, denn die Aussicht auf Großereignisse ist vorerst gering. Die EM fand 2002 in München statt, die WM wird 2009 in Berlin ausgetragen. Das World Athletics Final war zudem schon im vergangenen Jahr kein Gewinn. Der Zuschuss des Gemeinderates über insgesamt 1,1 Millionen Euro sollte für drei Jahre reichen – er ist schon in diesem Jahr aufgebraucht. Der Vertrag des Internationalen Leichtathletik-Verbands mit Stuttgart läuft zwar noch bis zum nächsten Jahr, aber der Verband sucht bereits einen neuen Ausrichter für 2008.

Aus der Stadt ist zu hören, dass die Leichtathleten zu spät mit ihrem Widerstand gegen Verkauf und Umbau des Stadions angefangen hätten. Erst im April begann der Württembergische Leichtathletik-Verband mit einer Unterschriftenaktion. Gesammelt hätten sie bislang Unterschriften im fünfstelligen Bereich, sagt Verbandspräsident Scholz. Am übernächsten Wochenende beim World Athletics Final wollen sie ihre Aktion trotz des Scheiterns zu Ende führen. „Das sind wir allen schuldig, die mitgemacht haben“, sagt Scholz, „wir wollen die Leichtathletik in Stuttgart mit Anstand verabschieden.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar