Sport : Graben in Vergangenem - Die Begegnung ist weit mehr als ein Fußballspiel

Martin Pütter

Anderswo wären Fußballfans froh, wenn ihre Nationalmannschaft ein Länderspiel gegen Argentinien bestreitet. Zweifacher Weltmeister, nach Brasilien die beste Mannschaft Südamerikas, dazu Stars wie Batistuta, Ortega und Veron - das müsste zur Vorfreude reizen. Nicht so in England. Dort graben die Medien in der Vergangenheit, um den Lesern einzubläuen, dass es sich heute im Wembleystadion nicht allein um ein Spiel, sondern um ein Ereignis von viel größerer Bedeutung handelt, bei dem die nationale Ehre auf dem Spiel steht. Obwohl die Zeitungen diesmal nur in Einzelfällen Parallelen zum Falklandkrieg zwischen den beiden Ländern gezogen haben - dieses Spiel ist auch ein Politikum.

Es gibt genug andere, rein sportliche Ereignisse, die noch in schlechter Erinnerung sind. Die Schmach der "Hand Gottes" - als Diego Maradona bei der Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko beim 2:1 über England das erste Tor per Hand erzielte - ist in London noch nicht vergessen. Das wird wohl nie der Fall sein bei den Engländern, die Erinnerungen an "glorreiche" Niederlagen nach unglücklichen Fügungen des Schicksals fast noch mehr hegen als Erinnerungen an Erfolge. Der Rummel um die kommenden Spiele bei der EM und in der WM-Qualifikation gegen Deutschland unterstreicht das nur. Da wird davon geredet, sich endlich für die beiden letzten Niederlagen im Elfmeterschießen rächen zu können.

Die Zeiten, als ein englischer Nationaltrainer argentinische Spieler als "Tiere" bezeichnet hatte (wie dies Alf Ramsey 1966 tat), sind vorbei, auch wenn dieser Vorfall von den Medien immer noch aufgegriffen wird. Doch als unbequemer, wenn nicht böser Gegner werden sie wieder dargestellt. Um das zu unterstreichen, wird auch auf das Achtelfinale bei der WM in Frankreich zurückgegriffen. Im Elfmeterschießen waren die Engländer damals ausgeschieden, was Schmach genug war. Doch noch weniger vergessen ist die Rote Karte, die Beckham nach seiner Tätlichkeit gegen Simeone gesehen hatte. Noch immer herrscht auf der Insel die Ansicht, dass Beckham provoziert worden sei.

Doch auch um den Mittelfeldspieler von Manchester United war zuletzt ein derartiger Rummel entstanden, dass das Länderspiel fast sekundäre Bedeutung erhielt. Verlässt Beckham nach seiner Verbannung auf die Tribüne am letzten Sonntag den Champions-League-Gewinner? Sogar Kevin Keegan gab seinen Beitrag. Er erfüllt Beckham einen immer wieder geäußerten Wunsch und lässt ihn heute Abend im zentralen Mittelfeld spielen. Taktisch macht dies wenig Sinn: Einerseits fehlen der Mannschaft damit die Flanken von rechts, außerdem hat Beckham im zentralen Mittelfeld noch nie etwas gebracht. Kritik und Zweifel an Keegans taktischen Fähigkeiten blieben aus. Das würde wohl selbst bei einer Niederlage heute so bleiben. Die Argentinier, die zehn der vierzehn Spieler dabei haben, die in Frankreich bei der WM gegen England zum Einsatz gekommen waren, werden in den Medien als klar bessere Mannschaft bezeichnet. Zudem wird überall darauf hingewiesen, dass mehrere Stammspieler fehlen. Und eine Niederlage würde den Medien zudem erlauben, vor dem nächsten Aufeinandertreffen wieder in der Vergangenheit graben zu dürfen.

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