Grafite : Ein Phantom auf Durchreise

Der Brasilianer Grafite ist der Toptorjäger der Liga – kann ihn Wolfsburg halten?

Christian Hönicke[Wolfsburg]

Der große, dunkelhäutige Mann verabschiedet sich höflich, setzt sich seine Mütze auf und verschwindet durch die Tür. Die beiden Damen im besten Alter blicken ihm mit gutmütigen Augen hinterher, dann dreht sich die eine wieder zu ihrer Gefährtin. „Also, Ihrer ist ja ein ganz Lieber!“, sagt sie entzückt, und die andere Frau stimmt begeistert in das Lob über ihren Zögling ein: „Ja, oder? Der ist ganz bodenständig.“ Die Damen sind die Dolmetscherinnen, die soeben auf der Pressekonferenz des VfL Wolfsburg übersetzt haben – für den Italiener Andrea Barzagli und einen großen, lieben, bodenständigen Brasilianer namens Grafite.

Der Stürmer beschert seiner Dolmetscherin derzeit viel Arbeit. Grafite liegt mit 18 Toren an der Spitze der Bundesliga-Torjägerliste und hat mit seinem Sturmpartner Edin Dzeko großen Anteil daran, dass Wolfsburg vor dem Duell am Samstag tor- und punktgleich mit Bayern München Zweiter ist. Obwohl er im Schnitt häufiger ins Tor trifft als Gerd Müller, ist Grafite wie ein Phantom, von dem noch nicht einmal die richtige Aussprache seines Namens geklärt ist. „Ich sag Gra-fitschi, und dabei bleib ich“, erklärt Felix Magath. Die Version des Trainers ist nicht die einzige des Künstlernamens von Edinaldo Batista Libanio, auch wenn Grafite selbst klargestellt hat, dass er so ausgesprochen wie geschrieben werde. „Aber ob nun Gra-fite, Graffa oder Gra-fitsch, ist mir egal“, sagt er. „Hauptsache, ich schieße ein Tor, und wir gewinnen.“

Vielleicht ist es ihm auch deswegen egal, weil er gar nicht will, dass sie sich in Wolfsburg zu sehr an seinen Namen gewöhnen. Seit 2001 hat der Weltenbummler beinahe jedes Jahr den Verein gewechselt und dabei sogar in Südkorea Station gemacht. Selten blieb er lang genug, um den Menschen Zeit zu geben, sich mit ihm zu beschäftigen. Zum Beispiel damit, dass er in seinem einzigen Länderspiel für Brasilien ein Tor erzielte, oder dass seine Mutter mal entführt wurde, aber am nächsten Tag wieder frei kam. Oder dass sein Vater im vergangenen Jahr starb und er jetzt von seiner Frau zum Geburtstag eine Kette mit dessen Bild geschenkt bekam.

Die Frage ist, wie viel mehr man in Wolfsburg noch über Grafite erfahren wird. Unlängst erklärte er in einer französischen Zeitung, dass er gern wieder in Frankreich spielen würde. Da kickte er in Le Mans, bis er 2007 für rund acht Millionen Euro nach Wolfsburg wechselte. Grafite versucht nicht zu verbergen, dass er die familienfreundliche Reißbrettstadt zwar für „ganz gut“ für seine Frau und die drei Kinder hält, es in Wolfsburg aber nicht so viel mehr zu tun gibt, als jeden Freitag mit dem Team ins Kino zu gehen und manchmal in die Autostadt. „Ich komme aus Sao Paulo, einer großen Stadt“, sagt er. „Wann immer ich frei habe, bin ich unterwegs, ob in Berlin oder Paris oder woanders. Da gibt es ein bisschen mehr als hier.“

Es spricht noch mehr als das Fernweh dafür, dass das Phantom aus Wolfsburg verschwunden ist, bevor es jemand richtig zu Gesicht bekommen hat. Der 29-Jährige steht im Zenit seiner Karriere und will trotz noch zwei Jahren Laufzeit in Wolfsburg nun seinen letzten großen Profivertrag aushandeln. „So ist das Geschäft“, sagt Magath. „Er ist so gut drauf wie noch nie und will natürlich von dieser Situation profitieren.“ Bis zum Saisonende solle Grafite aber erstmal weiter Tore schießen, „je mehr, um so schöner ist die Verhandlungssituation für ihn“.

Aber es gibt auch Chancen für einen Verbleib. In seinen bisherigen Stationen hat Grafite nie eine Effektivität gezeigt wie im Trikot des VfL. Vielleicht ahnt er schon, dass er besser nach Wolfsburg passt, als er es wahrhaben will, wenn er zugibt: „Ich bin ein eher ungewöhnlicher Brasilianer, der ein bisschen deutsch spielt“, mit viel Körpereinsatz statt Zauber. Dazu passt auch, dass ihm selbst der strenge Magath Disziplin bestätigt. Und in Sachen Bodenständigkeit ist Grafite ohnehin in Niedersachsen richtig aufgehoben.

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