Grand Prix auf dem Sachsenring : Männer fürs Grobe

Der Grand-Prix auf dem Sachsenring zog erneut mehr als 200.000 Besucher an – die Rennen waren oft nur Beiprogramm. Dabei gibt es mit Stefan Bradl in der höchsten Klasse wieder einen Deutschen mit Siegchancen.

Marco Bosch
Die Menge geriet in Ekstase, als Stefan Bradl gleich in der ersten Runde an die Spitze fuhr.
Die Menge geriet in Ekstase, als Stefan Bradl gleich in der ersten Runde an die Spitze fuhr.Foto: dpa

Hohenstein-Ernstthal - Als Stefan Bradl in der ersten Runde des Motorrad-Grand-Prix auf dem Sachsenring am neunfachen Weltmeister Valentino Rossi vorbei ging, standen alle Zuschauer auf den Tribünen auf. Und die meisten sollten sich nicht mehr setzen, obwohl der 23 Jahre alte Bayer im Verlauf des Rennens bis auf Position vier zurückfiel. „Natürlich bekommt man das mit, diese Atmosphäre. Und es ist ein großartiges Gefühl“, sagte Bradl nach einem beeindruckenden Ritt auf seiner Honda und seinen ersten Führungsrunden in der Königsklasse MotoGP.

Den von Bradl erträumten Podestplatz holte sich der drittplatzierte Italiener Valentino Rossi, für den das Rennen auch den Charakter eines Heimspiels hatte. Seine Startnummer 46 prangte auf fast allen Fahnen, T-Shirts und Mützen. „Das kann man nicht erklären. Es ist eine Passion“, sagt beispielsweise Roy, der aus Belgien alleine mit dem Wohnmobil angereist ist, um seinem Idol nah zu sein. Doch die Zahl der Unterstützer für Stefan Bradl wächst in seiner zweiten MotoGP-Saison stetig. „Jetzt mischt da endlich wieder ein Deutscher vorne mit“, sagt Nils aus Prignitz bei Berlin, der zu Michael Schumachers Zeiten zur Formel 1 fuhr. Ihn interessierte nur am Rande, dass Marc Marquez durch seinen zweiten Saisonsieg nun auch die WM-Wertung anführt.

Der Sport an sich spielt, speziell am Sachsenring, nicht die Hauptrolle. Von den 205 000 Besuchern, die über das Wochenende eine Karte ergattert haben, schaffen es viele nicht einmal vom Camping an die Strecke. Auf dem Ankerberg, oder ganz schnöde „P4“, wird drei Tage am Stück nur gefeiert. Die gelebte Anarchie findet in der Nacht auf den Sonntag seinen Höhepunkt. „Hier kannst du alles machen, auch mit deinem Tieflader anrücken, wenn du willst“, sagt Ronny aus Moritzburg bei Dresden.

Auch Moto2-Profi Sandro Cortese, der mit seinem neuen Team IntactGP als 15. am Sonntag einen WM-Punkt holte, war schon einmal dort. „Allerdings war ich da noch jünger“, sagt er mit einem Lächeln. „Was die Fans hier veranstalten, ist Wahnsinn. Für uns ist es schade, dass wir nur einen GP im Jahr hier haben.“ 2012 konnte er mit einem Sieg auf dem Sachsenring den Grundstein zum späteren Weltmeister-Titel in der Moto3 legen. Für die Fans macht der Erfolg nicht den Unterschied.

Während die Piloten bei knapp unter 300 Stundenkilometern mit waghalsigen Manövern um die Platzierungen kämpfen, werden auf dem Ankerberg weiter Kanonenschläge, Rauchbomben und Raketen gezündet. Vermeintlich geliebte Bikes finden ihr Ende jenseits des Drehzahlbegrenzers. Immer wieder steigen Rauchschwaden auf. „Motorradfans – das ist ein anderes Klientel als bei den Autorennen. Dort ist mehr Schickimicki, hier das ist eher was fürs Grobe“, sagt Matthias, der seit Jahren einen der Shuttle-Busse auf dem Gelände fährt.

Das Grobe ist auch ein Fachgebiet der WM-Piloten. Sie stürzen sich in die Kurven, das Knie auf dem Asphalt, selbst wenn ihre geschundenen Körper eigentlich Ruhe bräuchten. „Du kannst den Jungs auch nicht verbieten aufs Motorrad zu steigen“, sagt Matthias mit einer gewissen Bewunderung. Weltmeister Jorge Lorenzo musste am Sonntag passen, da er mit frisch operierter Schulter bereits im Training erneut gestürzt war. Der bis dato WM-Führende Dani Pedrosa wollte trotz schwerer Folgen eines Überschlags vom Samstag starten. Als er sich beim Medizincheck am Sonntagmorgen übergeben musste, durchkreuzte ihm der Rennarzt den Plan, mit seiner 250 PS starken Honda die Kurven 30 Runden lang abzuwedeln.

Die Begeisterungsfähigkeit der oft aus der Umgebung der mittlerweile 3671 Meter langen Rennstrecke in der Nähe von Chemnitz stammenden Fans liegt auch in der Vergangenheit begründet. Von 1927 bis 1990 verlief sie als Naturstrecke auf knapp neun Kilometern sogar durch den Ort Hohenstein-Ernstthal, es kamen bis zu 400 000 Zuschauer. „1966 war ich als dreijähriger Stöpsel zum ersten Mal dabei und bin seitdem nicht davon losgekommen“, sagt Matthias, als er sein Shuttle kurz an die Seite fährt.

Während der Teilung Deutschlands hatte der Ring für die Ostdeutschen noch eine andere Funktion: „Dann wehte mal der Duft der großen weiten Welt durch Hohenstein-Ernstthal. Das hat die Faszination ausgemacht. Man hat dem Wochenende das ganze Jahr entgegengefiebert“, sagt der Shuttle-Busfahrer. Wenn es nach Sandro Cortese geht, wird sich das Warten auf den nächsten Grand Prix auf dem Sachsenring auch bis 2014 wieder lohnen: „Dieses Jahr ist für uns ein Übergangsjahr und ich bin mir sicher, dass es für alle 2014 noch erfreulicher wird.“ Marco Bosch

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