Grand Prix in Monte Carlo : Die grünere Formel 1 verliert an Faszination

In der Vergangenheit konnte niemand die Formel 1 in Monaco ignorieren. Doch in diesem Jahr fahren die Autos der neuen Generation leiser und langsamer durch die Rascasse. Das gefällt nicht jedem.

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Das Schiff winkt. Sebastian Vettel fährt am Hafen Monacos entlang. Foto: AFP
Das Schiff winkt. Sebastian Vettel fährt am Hafen Monacos entlang. Foto: AFPFoto: AFP

Am Donnerstag herrschte über den Straßen von Monaco eine fast schon bedrückende Ruhe. Ein sanftes Brummen übertönte gerade so die Wellen, die im windigen Hafenbecken an die Kaimauer krachten. Wer es nicht wusste, der kam kaum darauf, dass an diesem Wochenende eine Motorsportveranstaltung im kleinen Fürstentum stattfindet.

Der Grand Prix in Monte Carlo bezog seit jeher seine Faszination aus der Tatsache, dass hier die größtmöglichen Gegensätze aufeinanderprallten. Vor Kraft strotzende, brüllend laute und stinkende Teufelskisten, die durch enge, verwinkelte Sträßchen in pittoresker Hafenatmosphäre jagen, nur Zentimeter vorbei an Menschen in Badeschlappen und Bikinis. Man mag das fragwürdig, sinnlos oder gar bescheuert finden, aber diese Kombination hatte ihren Reiz. Nicht umsonst gilt das Rennen als Höhepunkt der Saison.

Sebastian Vettel kritisiert Entwicklung der Formel 1

In der Vergangenheit konnte niemand die Formel 1 in Monaco ignorieren. Die Autos hörte man noch hinter der steilen Felswand im Hinterland, in der Stadt war es ohne Ohrschutz kaum auszuhalten. Zu den teuersten Zuschauerplätzen gehörten die in der Rascasse-Bar. Beim Herausbeschleunigen aus der gleichnamigen Kurve wurde die Formel 1 fühlbar. Es knallte, es gab ein großes Kreischen, der Boden vibrierte. Am Donnerstag nun fuhren erstmals die Autos der neuen Generation durch die Rascasse. Es war, als würde ein Cabriofahrer kurz aufs Gas tippen, um vor der Hafenbar anzugeben.

Die Deutschen in der Formel 1
Sebastian Vettel: Die Frisur ist anders, die Ansprüche sind es nicht. Klar, Titel Nummer vier in Serie muss das Ziel sein. Und der Vettel von 2013 klingt auch wie der von 2010, 2011 und 2012. Kostprobe? „Wir starten jedes Jahr von Null.“ Oder: „Es wird ein langes Jahr, jedes Rennen ist wichtig.“ Naja. Konfrontation gehört nicht zu Vettels Agenda. Der Hesse richtet den Blick nur auf sich und sein Team. Zuletzt hat das perfekt funktioniert. Und seinen Lausbuben-Humor hat sich Vettel dabei auch bewahrt. „Hungrige Heidi“ taufte er diesmal seinen Red-Bull-Dienstwagen. Mahlzeit. (dpa)Alle Bilder anzeigen
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15.03.2013 09:42Sebastian Vettel: Die Frisur ist anders, die Ansprüche sind es nicht. Klar, Titel Nummer vier in Serie muss das Ziel sein. Und der...

Nicht nur die hörbaren, auch die sichtbaren Effekte sprechen nicht unbedingt für die neue Formel 1. Im Training am Donnerstag war die GP2, so etwas wie die Zweite Liga des Formelsports, nur unwesentlich langsamer als die 1:18,2 Minuten, die der Mercedes-Pilot Lewis Hamilton für eine Runde benötigte. Die GP2-Bestzeit von 1:20,7 Minuten hätte sogar für einen Mittelfeldplatz in der Formel-1-Konkurrenz gereicht.

Einer der schärfsten Gegner dieser Entwicklung ist Sebastian Vettel. Der Weltmeister erneuert in Monaco seine Kritik an der leisen und vor allem langsamen Formel 1. „Ganz offen ist das etwas, was mir nicht gefällt“, sagte der Red-Bull-Pilot. „Wenn ich die Wahl hätte, würde ich lieber sechs Sekunden schneller fahren.“

Experten fällen vernichtendes Urteil

Vettel ist nicht allein mit dieser Meinung. In der Fanszene ist die neue, angeblich grünere Formel 1 weiterhin ein mindestens ebenso großes Diskussionsthema wie der Titelkampf der beiden Mercedes-Piloten Nico Rosberg und Lewis Hamilton. Und die Abstimmung mit der Fernbedienung spricht dafür, dass viele wie Vettel denken. Das Rennen in Barcelona etwa wollten nur noch 4,7 Millionen Zuschauer bei RTL sehen, 1,2 Millionen weniger als in der vergangenen Saison.

Selbst Motorenexperten können sich auch nach fünf Rennen nur schwer mit dem neuen Format anfreunden. Spitzeningenieure aus der Turbo-Ära der Formel 1 in den Achtzigerjahren äußern sich jedenfalls nicht sehr überzeugt über die modernen Nachfolger. Sie bemängeln, dass das neue Reglement technisch bei Weitem nicht so ausgefeilt und effizient ist, wie es verkauft wird. Bereits vor mehr als 25 Jahren seien etwa konstant 730 PS über eine Renndistanz erreicht worden bei einem Verbrauchslimit von 150 Litern, also nur 15 Liter mehr als heute. Auch die vermeintlich zukunftsweisende Hybridtechnik kommt bei den Experten nicht gut weg, sie verschwende zu viel Energie.

Die Erfahrungen von früher seien nicht berücksichtigt worden, bemängeln die Experten. Wegen der niedrigeren Motorendrehzahlen der Turbos sei absehbar gewesen, dass die Autos deutlich leiser würden. Insgesamt fällen sie ein vernichtendes Urteil: Viele Möglichkeiten dieser Technologie würden nicht ausgenutzt. Das passe nicht zusammen mit dem Image der Formel 1 als Krone des Motorsports.



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