Sport : Grandiose Verlierer

Sie wurden nur Zweiter, weil es immer noch einen Besseren gab – und doch haben sie auf ihre Art Sportgeschichte geschrieben

Stefan Hermanns

Sechsmal hat Jan Ullrich an der Tour de France teilgenommen, fünfmal wurde er Zweiter. Nur Zweiter, heißt es oft, weil Platz zwei für viele der Platz des ersten Verlierers ist. Ullrich teilt damit das Los vieler anderer überragender Sportler, deren Pech es war, dass es zu ihrer Zeit einen noch überragenderen gab. Wir erinnern an ewige Zweite, an grandiose Verlierer, an Gescheiterte, die auf ihre Art doch Sportgeschichte geschrieben haben.

Raymond Poulidor

In Frankreich wird Jan Ullrich bereits gelegentlich als der neue Raymond Poulidor bezeichnet. Das ist ein wenig unfair, weil der Franzose anders als Ullrich nie die Tour gewonnen hat; Poulidor hat bei seinen 14 Teilnahmen nicht einmal das Gelbe Trikot getragen. Es ist aber auch eine Ehre für Ullrich, weil Poulidor einer der wohl populärsten Verlierer der Sporthistorie ist. „Le Malheureux“ wird er von seinen Landsleuten genannt, der Unglückliche. Fünfmal wurde Poulidor bei der Tour Dritter, dreimal Zweiter, zum letzten Mal 1974 mit 38 Jahren. Der Franzose hatte das Pech, dass er zwei der besten Radfahrer aller Zeiten zu Konkurrenten hatte. Erst den fünfmaligen Toursieger Jacques Anquetil, und als der seine Karriere beendet hatte, kam Eddy Merckx, der ebenfalls fünfmal die Tour gewann.

Joop Zoetemelk

Joop Zoetemelk ist 16-mal bei der Tour de France mitgefahren, 16-mal ist er ins Ziel gekommen – so oft wie kein anderer. Der Holländer hat die Rundfahrt sogar einmal gewonnen (1980), und doch ist er vor allem als ewiger Zweiter in Erinnerung geblieben. Zwischen 1970 und 1986 wurde Zoetemelk sechsmal Zweiter. „Mein erster Platz wird gern vergessen“, sagt er. Vielleicht liegt es daran, dass Zoetemelk bei seinem Sieg von der Verletzung des fünfmaligen Toursiegers Bernard Hinault profitierte. Der Franzose gab, in Führung liegend, vorzeitig auf.

Hollands Fußballer

Was für die Deutschen Herbert Zimmermanns „Tor, Tor, Tor, Tor“ aus der Radioreportage des WM-Finales 1954 ist, ist in Holland der Ausspruch „Rensenbrink? – Op de paal!“. Er hat sich ins kollektive Gedächtnis der Niederländer eingebrannt. Es ist die letzte Minute des Endspiels der WM 1978. Argentinien eins. Holland eins. Und Rob Rensenbrink schießt aus kürzester Entfernung an den Pfosten des argentinischen Tores. In der Verlängerung verlieren die Holländer dann 1:3 und damit zum zweiten Mal in Folge ein WM-Finale. Vier Jahre zuvor waren sie – als bestes Team des Turniers mit dem überragenden Johan Cruyff – Gastgeber Deutschland unterlegen. Auch die Tschechoslowakei (1934 und 62) und Ungarn (1938 und 54) standen zweimal im Finale und wurden nie Weltmeister.

Bayer Leverkusen

Schadenfreude ist die schönste Freude. „Ihr werdet nie Deutscher Meister“, sangen die Fans in Deutschlands Stadien, als Bayer Leverkusen im Frühjahr 2002 doch noch den fast schon sicheren Titel verspielte und zum vierten Mal seit 1997 Vizemeister wurde. Für die Fußballer kam es noch schlimmer. Sie verloren auch das Endspiel um die Champions League und das DFB-Pokal-Finale. Die „Bild“-Zeitung nennt den Verein fortan hartnäckig Bayer Vizekusen. Fünf Leverkusener gehören schließlich auch zum Aufgebot der deutschen Nationalmannschaft, die zur WM nach Japan und Südkorea fährt. Sie wird – Vizeweltmeister.

Stirling Moss

Stirling Moss galt als der beste Rennfahrer seiner Zeit – Formel-1-Weltmeister wurde er nie. Der Engländer scheiterte häufig an den Tücken der Technik. Zwischen 1955 und 1957 belegte Moss dreimal hinter dem überragenden Juan Manuel Fangio den zweiten Platz. Als der Argentinier sich dann aus dem Rennsport zurückzog, galt Moss als Favorit auf den Titel. Bis zum vorletzten Grand Prix führte er die Gesamtwertung an – und wurde doch wieder Zweiter. Mit einem Punkt Rückstand auf Mike Hawthorn.

Nigel Mansell

Nigel Mansell war auf dem Weg zum Titel, an diesem 26. Oktober 1986, beim letzten WM-Rennen der Formel-1-Saison in Adelaide. Der Brite lag an dritter Stelle, als ihm 18 Runden vor dem Ziel bei einer Geschwindigkeit von 315 Stundenkilometern der Reifen platzte. Alan Prost, der Franzose, konnte seinen WM-Titel aus dem Vorjahr doch noch erfolgreich verteidigen. Mit zwei Punkten Vorsprung. Im Jahr darauf gewann Mansell sechs Rennen. Weltmeister aber wurde mit nur drei Siegen sein brasilianischer Teamkollege Nelson Piquet. 1991 schließlich wurde der Brite zum dritten Mal WM-Zweiter, ehe er ein Jahr später, mit 39, doch noch den Titel gewann.

Ivan Lendl

Ivan Lendl hat in seiner Karriere als Tennisprofi 94 Einzeltitel gewonnen, nur Jimmy Connors kommt auf noch mehr Turniersiege – und trotzdem zählt auch Lendl zu den grandiosen Verlierern. Weil seine große Sehnsucht immer eine unerfüllte geblieben ist. Was hätte der Tscheche dafür gegeben, einmal, ein einziges Mal Wimbledon zu gewinnen? Zweimal (1986 und 1987) stand Lendl in London im Finale, dazu schaffte er es noch fünfmal bis ins Halbfinale. Doch Wimbledon blieb das einzige Grand-Slam-Turnier, das er nie gewann.

Thomas Fahrner

Thomas Fahrner schwamm 1984 im olympischen Finallauf in Los Angeles die 400-Meter-Freistil-Strecke in 3:50,91 Minuten – es war die beste Zeit aller Finalteilnehmer. Olympiasieger wurde er trotzdem nicht. Fahrner war nur im B-Lauf gestartet. Der gebürtige Ludwigshafener galt als einer der Favoriten auf die Goldmedaille, doch in seinem Zwischenlauf hatte er sich vertaktiert. Fahrner gewann zwar, schaffte aber nur die insgesamt neuntbeste Zeit und war damit nicht für das Finale qualifiziert. Am Ende konnte er sich nur damit trösten, besser gewesen zu sein als der Olympiasieger. George Dicarlo war im A-Finale 31 Hundertstel langsamer als Fahrner.

Jürgen Hingsen

„Als Erster hast du alles, als Zweiter bist du Idiot“, hat Jürgen Hingsen einmal gesagt. Meistens war er der Idiot. Hingsen hat zwar dreimal den Weltrekord im Zehnkampf gehalten, doch wenn es um die großen Titel ging, wurde er immer Zweiter. 1982 bei der Europameisterschaft, 1983 bei der WM, 1984 bei Olympia und 1986 noch einmal bei der EM. In den entscheidenden Momenten war der Brite Daley Thompson immer der Bessere, und am Ende seiner Karriere scheiterte Hingsen schließlich an sich selbst. 1988, bei den Olympischen Spielen von Seoul, wurde der Deutsche nach drei Fehlstarts im 100-Meter-Lauf, der ersten von zehn Disziplinen, disqualifiziert. Hingsen sagte anschließend: „Ich mache weiter. Das bin ich mir und der Nation schuldig.“

Sebastian Coe

Sebastian Coe war einer der überragenden Mittelstreckenläufer der Leichtathletik-Geschichte. Er hielt die Weltrekorde über 800 Meter, 1000 Meter, 1500 Meter und über die Meile. Am 1. Juli 1980 war er sogar für eine Stunde Inhaber aller vier Weltrekorde über die Mittelstrecken. Und doch war auch Coes Karriere nicht frei von tragischem Scheitern. Wenn es um die großen Titel ging, hatte der Brite mehr mit sich selbst zu kämpfen als mit seinen Gegnern. Über die 800 Meter, seine Paradestrecke, holte er bei den Olympischen Spielen 1980 und 84 jeweils nur Silber, und bei der EM 1982 unterlag er überraschend dem deutschen Außenseiter Hans-Peter Ferner.

Merlene Ottey

Sie gilt als „Königin der Sportfeste“, hat 34 Medaillen bei internationalen Meisterschaften geholt, 14 WM-Medaillen – aber auf ihren ersten Einzel-Titel bei Weltmeisterschaften musste die Jamaikanerin Merlene Ottey bis 1993 warten. Da gewann sie in Stuttgart über 200 Meter. Der Tagesspiegel hat Ottey einmal „Lady in Bronze“ genannt. Bei Olympischen Spielen holte die Sprinterin zwischen 1980 und 2000 sechs Bronzemedaillen, bei Weltmeisterschaften gar sieben. Olympiasiegerin wurde sie nie.

Harald Schmid

Auch Harald Schmid war nie Olympiasieger, nie Weltmeister, hat nie den Weltrekord gehalten. Trotzdem zählte der 400-Meter-Hürden-Läufer zu den populärsten Leichtathleten der Bundesrepublik. Legendär waren seine Duelle mit dem US-Amerikaner Edwin Moses, den er in zwölf Jahren nur ein einziges Mal besiegen konnte. Als eines der denkwürdigsten Rennen aller Zeiten gilt der Finallauf bei der WM 1987 in Rom. Moses lief wie ein Wahnsinniger an, dann aber schien ihn die Kraft zu verlassen. Trotzdem siegte er in 47,46 Sekunden vor seinem Landsmann Danny Harris, der zeitgleich vor Schmid (47,48) Zweiter wurde.

Peter-Michael Kolbe

Was für Harald Schmid Edwin Moses, das war für den Ruderer Peter-Michael Kolbe der Finne Pertti Karppinen – ein nahezu unbezwingbarer Konkurrent. Bei den Olympischen Spielen 1976 wurde Kolbe im Schlusssprint von Karppinen noch eingeholt, 1980 in Moskau fehlte der Hamburger wegen des Olympiaboykotts, 1984 siegte der Finne erneut vor Kolbe, und als Karppinen vier Jahre später nicht mehr an den Start ging, weil er inzwischen seine Karriere beendet hatte, gewann – Thomas Lange aus der DDR. Vor Kolbe, der zum dritten Mal im Einer olympisches Silber holte.

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