Sport : Grenzenloser Betrug

Doping findet inzwischen in flexiblen internationalen Netzwerken statt

Friedhard Teuffel

Berlin - Bis vor kurzem war Doping noch unsichtbar, aber je mehr Beteiligte aussagen und je mehr die Polizei ermittelt, desto deutlicher nimmt es Gestalt an. Es ist ein weit verzweigtes Verbindungssystem von Athleten, Trainern und vor allem Ärzten. Das Teilgeständnis des Radprofis Ivan Basso hat wieder ein Schlaglicht auf das bisher prominenteste dieser Netzwerke geworfen, das des spanischen Arztes Eufemiano Fuentes.

Die Doping-Netzwerke haben sich im Laufe der Zeit stark verändert. Noch in den Neunzigerjahren fand Doping oft in einer Trainingsgruppe statt oder in einer Mannschaft. Im Radsport war das Doping in den Teams organisiert, die Teamärzte führten das Doping auf Weisung der Leitung oder einzelner Fahrer durch. Man kann davon ausgehen, dass manche Ärzte erst im Laufe ihrer Arbeit im Team mit Doping in Verbindung kamen.

Dieses Mannschaftsdoping hat jedoch Schwächen. Wechselt ein Fahrer oder ein Arzt das Team, nimmt er sein Wissen mit und kann den verbliebenen Fahrern und der Teamleitung gefährlich werden. Seit dem Festina-Skandal 1998, als beim Mannschaftsbetreuer des Radsportteams Festina, Willy Voet, große Mengen an verbotenen Substanzen gefunden wurden, ist Doping ohnehin anders organisiert. „Es handelt sich um multizentrale Netzwerke mit mehrfachen Epizentren“, sagt der Heidelberger Anti-Doping-Aktivist Werner Franke.

Was das genau bedeutet, hat der Fall um Basso und seinen spanischen Arzt Fuentes gezeigt. „Als Fuentes festgenommen war, haben die anderen Stellen im Netzwerk einfach weitergearbeitet“, sagt Franke. Schließlich sei das Netzwerk dezentral organisiert und habe nicht nur Posten in Madrid, sondern auch in Italien und Deutschland. Manchmal kommen die Sportler auch gar nicht erst in die Praxis eines Arztes. „Sie fliegen in ein Hotel, buchen sich dort per Voucher ohne Namensnennung ein, dann besucht sie der Arzt auf dem Zimmer und setzt ihnen die Spritzen“, berichtet Franke, der die Ermittlungsunterlagen der spanischen Behörden zum Fall Fuentes eingesehen hat. Ein solches Netzwerk beschränkt sich auch nicht mehr auf eine Sportart.

Ein anderes aufgedecktes Netzwerk ist das des spanischen Arztes Miguel Peraita, dessen Adresse sich in Madrid in unmittelbarer Nachbarschaft zu Fuentes befand. Diesem Netzwerk gehörte auch der inzwischen vom Amtsgericht Magdeburg verurteilte Leichtathletiktrainer Thomas Springstein an. Zu verdienen gab es für alle Beteiligten genug. Peraita verlangte für sein Standardprogramm ohne weitere Produkte 15 000 Dollar im ersten und 12 000 im zweiten Jahr.

Zustande kam dieses Netzwerk wohl so: Peraita bot dem niederländischen Athletenmanager Jos Hermens bei einer Veranstaltung seine Dienste an. Es sei um homöopathische Produkte und Ernährungsprogramme gegangen, sagte Hermens. Er empfahl seinen Athleten jedenfalls die Zusammenarbeit mit Peraita. Zu Hermens Athleten gehörte auch die frühere Leichtathletin Grit Breuer, die Lebensgefährtin Springsteins, die bis heute alle Dopingvorwürfe bestreitet.

In E-Mails und per Fax bestellte Springstein medizinische Hilfe von Peraita. Der erstellte ihm komplexe Programme, die sowohl erlaubte Substanzen, als auch Dopingmittel wie Wachstumshormon, Insulin und Anabolika enthielten. Die finanzielle Abwicklung erfolgte oft über Hermens, der erklärte, nie an einem Doping-Netzwerk beteiligt gewesen zu sein. Ob bewusst oder nicht bewusst liegen die Knotenpunkte dieses Netzwerks also in Spanien, den Niederlanden und Deutschland. Grenzen gibt es für diese Netzwerke nicht mehr. Gerade deshalb sind sie so schwer auszumachen und handeln so flexibel. Die Sportverbände scheinen dagegen machtlos, relevante Erkenntnisse über die Netzwerke konnten bislang nur staatliche Behörden liefern.

Leitartikel Seite 1

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben