Greuther Fürth : Jubeln über Phantomtore

In Fürth ist der Kampf um den Klassenerhalt vorbei. Nun beginnt bei den Franken die Vorbereitung auf die Zweite Liga.

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Nicht zum Lachen. Die Fans von Greuther Fürth.
Nicht zum Lachen. Die Fans von Greuther Fürth.Foto: dpa

Die Spielvereinigung Greuther Fürth ist nicht der beste Absteiger aller Zeiten und auch nicht der schlechteste, aber wahrscheinlich hat er die abgedrehtesten Fans. Als das Spiel gegen die TSG Hoffenheim entschieden war, also nach einer Viertelstunde, schufen sie sich auf der Tribüne hinterm Tor ihre eigene Bundesligawelt. Mit Jubeleinlagen und Gesängen und Lachkanonaden, sie hatten so überhaupt nichts mit der Nebensache auf dem Rasen zu tun und bliesen eine Wolke von Surrealität in die Langeweile. Mit „einer geht noch!“ wird Hoffenheim im fremden Stadion eher selten angefeuert, und dass der größte Applaus des Nachmittags dem Siegtor des FC Bayern gegen Düsseldorf gehörte, ist im Frankenland auch nicht Alltag. Als der Stadionsprecher die Nachspielzeit verkündete – „das Schiedsrichtergespann gönnt uns noch zwei Minuten in der ersten Liga“ – da wieherte das ganze, über Generationen zusammengestrickte Stadion am Ronhof im Chor.

Kann Abstieg auch Spaß machen?

„Es tut schon weh, wenn du nicht mehr ernst genommen wirst“, sprach der Fürther Trainer Ludwig Preis, und auch seinen Spielern schwante Böses, als sie nach ihrer 0:3-Niederlage Richtung Fantribüne staksten. „Diese Stadt und ihr Verein werden immer unsere Liebe sein“, verkündete ein Transparent. Aber war damit auch „diese Mannschaft“ gemeint?

Ludwig Preis gab sich später Mühe, dieser doppelten Abschiedsveranstaltung einen würdigen Rahmen zu geben. Drei Spiele lang hat er die Fürther nach der Entlassung von Mike Büskens betreut. Mehr erlaubt die Deutsche Fußball-Liga nicht, und deshalb muss er ebenso die Bundesliga verlassen wie seine Spieler, sie dürfen nur noch aus protokollarischen Gründen neun weitere Auftritte ganz oben absolvieren. Ludwig Preis hat einen guten Job gemacht, Nachwuchsleute und Reservisten in die erste Reihe gestellt und den ambitionierten Klubs aus Leverkusen und Hamburg jeweils einen Punkt abgeknöpft. Für den ewigen Zweitligisten mit dem Kleeblatt im Vereinswappen war das Spiel gegen Hoffenheim eine letzte Chance, sich vielleicht doch oben zu halten.

Ausgerechnet gegen Hoffenheim… Das ligaweit ungeliebte Produkt einer Mäzenatenliebe schien sich im freien Fall zu befinden und hätte im Falle einer Niederlage den Platz getauscht mit der Spielvereinigung. Dazu hatte der in Fürth nicht minder unbeliebte fränkische Nachbar 1. FC Nürnberg am Freitag Schützenhilfe geleistet mit einem Sieg über den FC Augsburg, dessen Relegationsplatz 16 auf einmal nicht mehr so sicher wirkte. Alles war bereitet für einen denkwürdigen Fürther Nachmittag. Er endete mit dem 13. sieglosen Spiel im 13. Heimspiel. Da bahnt sich im 50. Bundesligajahr ein Rekord für die Ewigkeit an, vor dem auch Neuköllns selige Tasmania und Herthas Dilettanten des Jahrgangs 2010 kapitulieren.

Ludwig Preis, ein sympathisches Männlein mit wenig Haar und viel Herz, sprach rührende Sätze über dieses grandios in den fränkischen Sand gesetzte Schicksalsspiel. Sie hätten ja alles versucht und sich viel vorgenommen, am Anfang – „also die ersten zehn Minuten waren okay“, aber dann schoss Hoffenheim das Führungstor, „und das Spiel war entschieden“.

Nun sind „zehn Minuten okay“ ein bisschen wenig für die Bundesliga, noch dazu wenn sie nur nach Maßstäben eines Tabellenletzten wirklich okay sind. In diesen zehn Minuten ging den Fürthern immerhin nicht alles daneben, und sie hatten sogar etwas, das später offiziell als Torchance Erwähnung fand. Einen Freistoß kurz hinter der Mittellinie, Johannes Geis hatte ihn wohl nicht als Torschuss geplant und damit Hoffenheims Torhüter Heurelho Gomes irritiert. Der Ball flog einen halben Meter vorbei, und damit sind die Fürther Angriffsbemühungen an diesem Nachmittag auch schon umfassend gewürdigt.

Fußball wird mit den Füßen gespielt, aber oft genug im Kopf gewonnen. Wahrscheinlich war diese sich unverhofft eröffnende Chance im Abstiegskampf mehr, als das improvisiert verstärkte Fürther Team mental verkraften konnte. Die von Ludwig Preis rekrutierten Nachwuchsleute und Reservisten waren vom vormaligen Cheftrainer Büskens ja nicht aus Gehässigkeit ignoriert worden. Irgendwann musste diese runderneuerte Mannschaft an ihre Grenze stoßen, und dieser Punkt war am Samstag erreicht. „0:3 gegen den Vorletzten – das sagt alles“, befand Klubchef Helmut Hack. Und: „Am Montag beginnt die Vorbereitung auf die Zweite Liga.“ Zunächst einmal mit der Suche nach einem neuen Trainer für das finale, nun ja, Schaulaufen in der ersten Liga.

Als nun am späten Samstagnachmittag Vollzug in Sachen Abstieg zu melden war und die tragischen Helden Richtung Fantribüne staksten, kamen sie bis zum Strafraum. Dann war Schluss mit lustig und surreal. „Wir haben die Schnauze voll!“, brüllte das Volk, und die Mannschaft zog sich zurück in die Kabine.

Abstieg macht auch in Fürth keinen Spaß.

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