Gridgirl-Debatte : Wenn Frauen im Sport zu schmückendem Beiwerk werden

Warum gibt es im Sport Frauen als schmückendes Beiwerk? Nur weil der moderne Sport "von Männern für Männer" erfunden wurde? Die ersten Veranstalter reagieren.

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Nach dieser Champagnerdusche sah sich Formel-1-Champion Lewis Hamilton Sexismus-Vorwürfen ausgesetzt.
Nach dieser Champagnerdusche sah sich Formel-1-Champion Lewis Hamilton Sexismus-Vorwürfen ausgesetzt.Foto: AFP

Es riecht nach Schweiß und billigem Parfüm an diesem Samstagabend in der Berliner Columbiahalle. Vor allen Dingen aber liegt viel Testosteron in der Luft. „Zieh dich aus, du geile Sau. Ausziiieeehen!“, brüllt ein glatzköpfiger älterer Herr von den hinteren Rängen. „Ich will ein Kind von dir“, schreit ein anderer. Es wird geboxt, die „Nacht der Berliner Jungs“ wird ausgetragen; und Steffi, über 1,80 Meter groß und gertenschlank, steht in Shorts und einem Top bekleidet nun mitten im Ring und hält vor tausend Zuschauern eine Tafel hoch, auf der eine Nummer steht. Sie winkt den Männern zu und lächelt dabei ein Lächeln, wie sie es im Alltag kaum mehr geschenkt bekommen.

Nur ein paar Meter entfernt von Steffi sitzen erschöpfte Athleten in den Ringecken, die Köpfe hängend, die Gesichter geschwollen, die Blicke leer. In diesen Momenten sind nicht sie, die Boxer, die Attraktion. Sie sind plötzlich das Beiwerk, das sich schnell erholen soll, um gleich wieder das Publikum zu unterhalten. Es muss nicht lange herumgedeutelt werden, warum sich die Menschen zu dieser Veranstaltung zusammengefunden haben. Es geht um Körperlichkeit, und etwas konkreter geht es auch um Sexualität. Starke Männer kämpfen, und schöne Frauen posieren. Weil das einfach dazugehört. Oder auch nicht. Denn das ist die Debatte, die in diesen Wochen im Sport geführt wird. Anstoß des Ganzen ist, dass bei der Langstreckenmeisterschaft WEC seit kurzem keine sogenannten Gridgirls mehr eingesetzt werden.

Gridgirls, das sind die meist recht jungen und knapp bekleideten Frauen, die Schirme in der Hand halten, um Sonne oder Regen von den Fahren fernzuhalten. Ihre weitere Aufgabe besteht darin, auf dem Podest zu stehen und sich noch mehr zu freuen als die drei bestplatzierten Fahrer. Ihre wesentliche Aufgabe aber ist: gut auszusehen.

Attraktive Frauen gehören beim Sport ins Bild, auch wenn sie aktiv keine Rolle spielen

Schöne Frauen als schmückende Begleitung sind schon lange Bestandteil des kommerzialisierten Sports, und das nicht nur im Boxen oder im Rennsport. Auch bei der Tour de France bekommen die müden Helden bei der Siegerehrung von einer Schönheit ein Küsschen auf die linke Wange und von einer anderen auf die rechte. Cheerleader unterhalten das Publikum im Basketball, Eishockey, American Football und vielen anderen Sportarten. Die Liste kann endlos weitergeführt werden. Attraktive Frauen gehören beim Sport ins Bild, auch wenn sie aktiv keine Rolle spielen.

Von daher war die Überraschung groß, als der Chef einer Rennserie vor wenigen Wochen an dem sich festgesetzten Bild der Frau als schmückende Zugabe rüttelte. Als „nicht mehr zeitgemäß“ bewertete WEC-Renndirektor Gerard Neveu die Gridgirls. Die Entscheidung, auf sie zu verzichten, wurde gemeinhin goutiert, von den Fahrern, den Medien und von den Zuschauern. Dass sich diesbezüglich etwas bewegt, zeigte sich auch darin, dass in der Formel 1 beim Großen Preis von Monaco Ende Mai auch Gridboys eingesetzt wurden. Auf positives Echo bei den Fahrern stieß die Aktion allerdings nicht. „Das sollten wir schleunigst wieder ändern“, sagte Ferrari-Pilot Sebastian Vettel. Und so dürften die Gridboys in der Formel 1 vorerst eine einmalige Sache gewesen sein.

Dennoch steht in diesen Tagen und Wochen die Frage im Raum, ob die Formel 1, ob der kommerzialisierte Sport generell mittel- und langfristig die Zurschaustellung der Frau als Sexobjekt überdenkt?

Der Medienforscher Jörg-Uwe Nieland befasst sich schon seit vielen Jahren mit dem Thema. „Das Frau als schmückendes Beiwerk im Sport ist nicht weniger, sie ist mehr geworden. Sex und Erotik ist seit vielen Jahren ein fester Bestandteil der Werbe- und Vermarktungsstrategie sportlicher Veranstaltungen“, erklärt der Wissenschaftler von der Deutschen Sporthochschule in Köln.

Dass sich an diesem Umstand etwas verändert, glaubt Nieland nicht. Schließlich sei der moderne Sport „von Männern für Männer“ erfunden worden. Die Sportentwicklung sei deshalb über einen längeren Zeitraum ohne die Einbeziehung von Frauen verlaufen. „Der Sport gilt als eines der letzten Refugien männlicher Hegemonie.“ So seien die Schlüsselpositionen in Sportverbänden, Sportredaktionen und Sportunternehmen überwiegend mit Männern besetzt, die damit über einen Großteil der Bedeutungs- und Definitionsmacht verfügten. Nieland geht sogar so weit und spricht von einer „Pornographisierung des Sports“. Er meint dabei nicht nur den sexualisierten Blick des männerdominierenden Sports auf die passive Rolle der Frau, sondern auch auf deren aktive Rolle und verweist auf vermeintliche Sportarten wie Schlammcatchen oder Unterwäsche-Football. Speziell letzteres findet eine immer größere Anhängerschaft.

Steffi, das Nummerngirl, hat kein Problem damit, dem grölenden Boxpublikum ihren Körper zu zeigen. Steffi ist 30 Jahre alt, sie hat ein offenes Gesicht, trägt lange blonde Haare und sieht beneidenswert gut aus. Steffi beim Boxen ist – böse und mit Bezug auf Nieland gesprochen – das, was herauskommt, wenn Männer etwas für Männer erfinden.

Gridgirl Steffi: Nach ihrer Masterarbeit will sie Karriere machen

Seit zehn Jahren gibt sie hin und wieder für Sauerland-Veranstaltungen das Nummerngirl. An diesem Samstagabend allerdings macht sie es zum letzten Mal. „Es ist jetzt an der Zeit für mich, etwas anderes zu machen“, sagt sie. Steffi sieht nicht nur gut aus. Sie steckt in den Endzügen ihrer Masterarbeit und will nun im Logistikbereich Karriere machen. Die Frage, warum sie sich zehn Jahre lang dem testosterongetränkten Boxpublikum präsentierte, drängt sich auf. „Weil es mir Spaß gemacht hat, diese Rolle zu spielen. In der Rolle hat mich der eine oder andere Spruch von den Zuschauern nicht getroffen“, sagt sie. Anders sei das, wenn ihr das als Privatperson im Alltag passiere. „Das ist für mich Sexismus. Im Rahmen der Sportveranstaltung als Nummerngirl ist es das für mich aber nicht.“

Es liegt auf der Hand, dass die Frauen, die im Gewerbe tätig sind, von einem unvorteilhaften Rollenbild der Frau im Sport nichts wissen wollen.

Olga Tekeljakowa ist ein weiteres Beispiel. Sie ist die Inhaberin der Münchner Agentur OTeam, die Hostessen auch für Sportveranstaltungen vermittelt. Auf der Homepage der Agentur werden die angestellten Frauen wie folgt beworben: „Schöne Gesichter, vollendete Konturen und ein bezauberndes Lächeln auf den Lippen – unsere atemberaubenden Models vermitteln Ihren potentiellen Kunden das den Umsatz fördernde Gefühl: ’Wer kann hier schon nein sagen?’“ Dass die Hostessen-Branche einen leicht anrüchigen Ruf hat, kann Tekeljakowa überhaupt nicht verstehen. Zumal ihre Mädchen sich nicht prostituieren würden. „Sie tun das ja gerne“, sagt sie.

Wenn es um das Rollenbild der Frau geht, ist Tekeljakowa wahrscheinlich ohnehin nicht die richtige Ansprechpartnerin. Spricht sie über die Vorzüge des Hostessen-Jobs, purzeln aus ihrem Mund Sätze wie: „Die Mädchen müssen doch außer Rumstehen gar nichts tun. Und die Männer sind happy.“ In dem Vorstoß der WEC, keine Gridgirls mehr einzusetzen, vermutet sie nichts weiter als Heuchelei. Denn Tekeljakowa hat ihre Erfahrungen gemacht mit dem Rennsport. So habe ihr ein deutscher Formel-1-Veranstalter unverschämte Preise für ihre Hostessen genannt, nicht einmal Spesen wie etwa Übernachtungskosten seien drin gewesen. Daher glaubt sie, dass die WEC wegen finanzieller Probleme auf die Gridgirls verzichtet und nicht, weil sie den Sexismus im Sport bekämpfen will.

Sollte die Unternehmerin aus München recht haben, würde das nur noch einmal den Warencharakter der Frau im Sport unterstreichen. Nun besteht die Problematik nicht darin, dass sich Frauen auf dem lukrativen Markt des Sports bewegen. Doch im Gegensatz zu den Männern, deren Währung die sportliche Leistung ist, bieten Frauen wie Steffi nichts weiter als ihren Körper an. Man kann das in Ordnung finden. Oder auch nicht.

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