Sport : Griechenland - Deutschland: Ein Sturm zum Erschrecken

Stefan Hermanns

Dem großen Mann mit den kurzen Haaren schoss das Blut in den Kopf. Er lachte, wie es ein Achtjähriger tut, der dem Weihnachtsmann berichten soll, ob er auch immer brav gewesen sei. So ist das also, wenn Carsten Jancker unerwartet Komplimente erhält. Ein Journalist hatte erzählt, was er beim Training der deutschen Nationalmannschaft aufgeschnappt hatte. Ein griechisches Mädchen habe gesagt, Jancker sei der größte und schönste Fußballer, den sie kenne. Tja, antwortete Jancker mit rotem Kopf, "ich bin seit fünf Jahren verheiratet, da geht nichts mehr."

Man kann es ja verstehen, dass der Stürmer vom FC Bayern München ein wenig verlegen wird, wenn er mit solch vorteilhaften Beschreibungen der eigenen Person konfrontiert wird. Jancker ist das einfach nicht gewohnt. Wenn über ihn berichtet wird, dann meistens schlecht. "Das Image haben andere gebildet", sagt Jancker, der im besten Fall als arrogant und ungehobelt gilt. Im weit schlimmeren Fall wird er als Gallionsfigur der rechten Szene gehandelt - angeblich mit seinem Einverständnis. Das seien "alles erfundene Dinge", sagt Jancker.

Doch das negative Bild von Jancker bestimmt inzwischen die öffentliche Wahrnehmung seiner Person. Wenn Jancker nach dem Länderspiel gegen die Franzosen sein Trikot einem Fan schenkt, kann er am nächsten Tag in der Zeitung lesen, er habe das Trikot aus Verärgerung über seine Auswechslung weggeworfen. Umso schöner ist es daher für ihn, dass er nun in Athen eine lange nicht gekannte Wertschätzung erfährt - von den Griechen.

Ein griechischer Journalist fragte Jancker nach seinem Tor vom Hinspiel. Jancker sagte, er habe damals kein Tor geschossen. Aber die Vorlage habe er gegeben, sagte der Journalist. Jancker schüttelte den Kopf. "Er stand in der Nähe", sagte DFB-Sprecher Wolfgang Niersbach. Ein bisschen Respekt der Griechen vor Jancker und der deutschen Mannschaft kann sicher nicht schaden. Wohl auch deshalb wird der Stürmer der Bayern heute von Beginn an spielen - anstelle von Mannschaftskapitän Oliver Bierhoff. Das sei "die bessere Lösung", sagte Teamchef Rudi Völler, auch wenn Jancker gegen Albanien "sicher nicht so gespielt hat, wie er sich das vorgestellt hätte".

Durch seine Größe (1,93 Meter), seine Statur (90 Kilogramm) und den markanten Kopf besitzt Jancker eine ganz andere Außenwirkung als der BWL-Student Bierhoff. Er könnte einen zuletzt offenkundigen Mangel beheben: Dem deutschen Team fehle es an Ausstrahlung. Gegen Frankreich mutete der Auftritt der Nationalmannschaft wie der einer Schülerauswahl an, selbst gegen Albanien musste Völler seine Spieler daran erinnern: "Es gibt gar keinen Grund ängstlich zu sein." Das hatten sie wohl vergessen.

Im Sturm tritt dieses Defizit am deutlichsten zu Tage: Oliver Bierhoff ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass er seine Gegenspieler einschüchtern könnte; Oliver Neuville wirkt klein und schmächtig, und Miroslav Klose ist laut Völler auch eher "ein zurückhaltender Typ". Bei Kloses erster Reise mit der Nationalmannschaft im Februar nach Frankreich hatte Völler sogar den Eindruck, dass es dem Neuling "fast unangenehm war, mit den Nationalspielern zusammenzusein".

Bleibt also nur Carsten Jancker, der in 14 Länderspielen drei Tore erzielt hat, von sich im Moment aber sagt, "dass es auch nicht so gut läuft". Zu Beginn der Rückrunde war Jancker bei den Bayern oft nur Ersatz, im letzten Ligaspiel gegen 1860 musste er schon nach elf Minuten wegen einer Verletzung ausgewechselt werden. Trotzdem hat sich Rudi Völler, vor der Alternative Jancker oder Bierhoff stehend, zuletzt immer häufiger für den Münchner entschieden. "Es wird jetzt keine neue Ära beginnen", sagt Jancker zwar. Doch für ihn spricht nicht nur, dass er laut Völler "spielerisch stärker" ist als Bierhoff, Jancker (26) ist auch sechs Jahre jünger.

Allerdings mahnte Bundestrainer Michael Skibbe, Jancker müsse nun auch in der Nationalmannschaft einmal zeigen, dass er etwas bewegen könne. Im Zweifelsfall wird ihm dies leichter fallen, als den Gefahren zu entgehen, die außerhalb des Platzes lauern. Ein Fernsehreporter fragte Jancker auf der Hotelterrasse vor laufender Kamera, ob er stolz sei, ein Deutscher zu sein. "Schwierige Frage", antwortete Jancker. Für ihn ganz besonders. "Ich bin stolz, in Deutschland zu leben."

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