Sport : Griechisches Theater

2004 finden die Olympischen Spiele in Athen statt, aber noch ist vieles im Bau – jetzt streiten die Verantwortlichen

Gerd Höhler

Athen. Für die Kameras wird noch gelächelt. Dabei ist den Athener Olympia-Organisatoren das Lachen längst vergangen. Noch rund 500 Tage sind es bis zur Eröffnungsfeier der Sommerspiele 2004. Dass bis dahin alle Stadien und geplanten Verkehrsprojekte fertig werden, ist immer unwahrscheinlicher. Mit dem Bau vieler Sportstätten sind die Athener weit im Rückstand. Zahlreiche Infrastrukturvorhaben wurden gestrichen, weil die Zeit nicht mehr reicht. Für die verbliebenen Projekte gibt es nicht genug Geld.

Jetzt mahnt sogar Jacques Rogge, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Fortschritte an. 15 Bauvorhaben und Ausschreibungen seien gefährlich in Verzug. „Die Situation ist ernst“, sagt Rogge. Die Renovierung des verfallenen Athener Karaiskaki-Stadions, wo das Finale des olympischen Fußball-Turniers ausgetragen werden soll, hat immer noch nicht begonnen. Der Bau einer Straßenbahnlinie, die das Stadtzentrum mit den Sportstätten an der Küste verbinden soll, ist um viele Monate im Rückstand. Fachleute bezweifeln, dass die Straßenbahn rechtzeitig fertig wird. Besorgt sind die Funktionäre des IOC aber vor allem um die Sicherheit. Ein Thema, das vor dem Hintergrund eines möglichen Irak-Krieges besondere Brisanz bekommt. Die Athener Regierung will sich den Schutz der Sportler, Offiziellen und Besucher die Rekordsumme von 600 Millionen Euro kosten lassen. Ein britisches und ein US-Konsortium bewerben sich um den lukrativen Job. Doch die Athener schieben die Vergabe des Auftrags seit Monaten auf.

IOC-Chef Rogge sorgt sich deshalb, dass Testwettbewerbe und viele Wettkämpfe nur in Provisorien stattfinden könnten. Vor wenigen Tagen bestellte das IOC die Präsidentin des Athener Organisationskomitees (ATHOC), Gianna Angelopoulos-Daskalaki, nach Lausanne. Was sie dort zu hören bekam, kann nicht besonders schmeichelhaft gewesen sein. Die Athener Cheforganisatorin sonnt sich normalerweise gern im Licht der Scheinwerfer. Diesmal aber verließ sie mit versteinertem Gesicht wortlos das IOC-Hauptquartier.

Doch das sei nur Theater gewesen, glauben manche in Athen. Die ATHOC-Chefin gerät in den Verdacht, sie habe IOC-Präsident Rogge zu seiner harschen Kritik animiert, um Druck auf die griechische Regierung zu machen. Denn die hat die Verzögerungen beim Bau der Sportstätten und Verkehrsprojekte zu verantworten. Die Politiker weisen jedoch Kritik weit von sich. Die Olympiaplanung sei „unter völliger Kontrolle“, ließ Ministerpräsident Simitis mitteilen. Für „dramatische Erklärungen“, wie sie Rogge abgegeben habe, gebe es keinen Grund. Was auch der für die Spiele zuständige Kulturminister Evangelos Venizelos so sieht: „Es gibt keinen Anlass, eine Krise zu inszenieren.“

Das Verhältnis zwischen der sozialistischen Regierung und der Chefin des Organisationskomitees wird immer gespannter, je offenkundiger die Probleme werden. Angelopoulos-Daskalaki macht die Minister und die Staatsbürokratie für die Schwierigkeiten verantwortlich, gerät aber mehr und mehr auch selbst ins Kreuzfeuer. Kritiker werfen ihr vor, sie sei vor allem darauf aus, sich selbst in Szene zu setzen. Die 47-jährige Multimillionärsgattin, die eine Schwäche für schwere Pelzmäntel und auffällige Perlencolliers hat, genießt ihre Rolle sichtlich. Mit großem Gefolge jettet sie von Hauptstadt zu Hauptstadt, lässt sich im Élysée-Palast vom französischen Präsidenten Jacques Chirac empfangen oder lächelt im Berliner Kanzleramt mit Gerhard Schröder in die Kameras. Was dieser Tourismus mit der Organisation der Athener Spiele zu tun hat, ist auf Anhieb nicht zu erkennen.

Die rege Reisetätigkeit der ATHOC-Präsidentin stößt umso mehr auf Kritik, weil den Olympiaplanern nicht nur die Zeit sondern auch die Kosten davonlaufen. Statt ursprünglich 2,5 Milliarden Euro gehen jüngste Schätzungen von 5,4 Milliarden Euro aus.

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